Lukaskirche · München · Kirchengeschichte, Architektur, Historismus, Lehel, Kunst und Ausstattung

Eine evangelische Kathedrale am Fluss

Audio-Guide noch nicht veröffentlicht
Video-Guide noch nicht veröffentlicht
(blockiert durch OP-03/OP-05)

Standort

Karte lädt …

Anzeige · 320×100

Eine evangelische Kathedrale am Fluss

1. Vor dem Eingang: die erste Sicht auf St. Lukas

Stellen Sie sich außen vor den Haupteingang der Lukaskirche an der Isarseite. Sehen Sie nicht sofort auf das Portal. Sehen Sie zunächst auf die Silhouette.

Über den Bäumen und Häusern des Lehels erhebt sich die große Kuppel. Zu ihren Seiten stehen die beiden Türme des Eingangsbereichs. Die Kirche wirkt aus dieser Entfernung beinahe wie eine befestigte Stadt: ein hoher Mittelpunkt, flankiert von vertikalen Zeichen, darunter ein schwerer, steinerner Körper. Gerade aus der Bewegung am Fluss wird verständlich, warum St. Lukas bis heute als „Dom der Protestanten“ bezeichnet wird. Der Beiname ist keine amtliche Bezeichnung. Er beschreibt die Wirkung eines Baus, der für eine evangelische Gemeinde ungewöhnlich groß und repräsentativ ist.

Die Lage am westlichen Isarufer ist städtebaulich entscheidend. Das Grundstück gehört zum Mariannenplatz im Lehel, doch die Hauptansicht und der Eingang liegen an der Steinsdorfstraße, also an der Isarseite. Die Kirche steht dadurch nicht tief im Block und nicht verborgen hinter einer Häuserzeile. Sie tritt an den Fluss heran. Ihre Kuppel bildet einen festen Punkt in der Folge von Ludwigsbrücke, Uferweg, Mariannenplatz und Maximiliansbrücke.

Wenn Sie jetzt langsam nach Norden gehen, verändert sich die Kirche mit jedem Schritt. Zuerst erscheint die Kuppel als Fernform. Dann treten die Türme hervor. Schließlich beginnt die Fassade, ihre Einzelheiten zu zeigen. Dieser Wechsel von Silhouette zu Detail ist bereits eine kleine Lektion in historistischer Architektur: Der Bau will aus der Entfernung überwältigen und aus der Nähe gelesen werden.

2. Eine dritte Kirche für eine wachsende Gemeinde

Die Geschichte von St. Lukas beginnt nicht mit einem genialen Einfall des Architekten, sondern mit einer Platzfrage.

München war im 19. Jahrhundert eine katholisch geprägte Stadt. Die evangelische Gemeinde wuchs dennoch stark. St. Matthäus und St. Markus, die beiden ersten evangelisch-lutherischen Kirchen Münchens, reichten für die Zahl der Gemeindeglieder bald nicht mehr aus. Als die Planung für St. Lukas begann, lebten in München bereits ungefähr 70.000 Protestanten. Die neue Kirche sollte deshalb nicht bloß eine zusätzliche Kapelle werden. Sie musste Raum schaffen, Präsenz zeigen und der Gemeinde ein sichtbares Zentrum geben.

Zunächst war ein Bauplatz auf der Nordspitze der Kohleninsel vorgesehen, der heutigen Museumsinsel. Dort hätte man eine eher bescheidene Kirche errichten können. Der Entwurf von Albert Schmidt war jedoch größer und anspruchsvoller. Das evangelische Kirchenbauamt setzte sich dafür ein, einen städtebaulich wirksameren Ort zu erhalten. Schließlich stellte die Stadt München ein großzügiges Grundstück am Mariannenplatz zur Verfügung. Die Entscheidung war nicht nur eine Grundstücksfrage. Sie berührte auch die konfessionelle Ordnung der Stadt: Wie sichtbar durfte eine evangelische Kirche im katholisch geprägten München werden?

Am 29. Juni 1893 wurde der Grundstein gelegt. Im Ersten Advent 1896, am 29. November, wurde die Kirche eingeweiht. Aus der ursprünglichen dritten evangelischen Kirche Münchens war ein Bau geworden, der weit über die Größe einer gewöhnlichen Pfarrkirche hinausging.

Gehen Sie nun weiter bis zum Eingangsbereich. Die Kirche steht hier nicht zufällig. Sie markiert den Übergang zwischen dem Flussraum und dem bürgerlich verdichteten Lehel. Wer vom Wasser kommt, sieht zuerst die offene, monumentale Seite. Wer aus dem Viertel kommt, erlebt die Kirche als Mittelpunkt des Platzes. Zwei Stadträume treffen an ihrer Schwelle aufeinander.

3. Albert Schmidt und die Kunst des Eklektizismus

Albert Schmidt war einer der bedeutenden Münchner Architekten seiner Zeit. Seine Aufgabe bestand nicht darin, einen völlig neuen Kirchenstil zu erfinden. Er musste eine Form finden, die zugleich evangelisch, großstädtisch, repräsentativ und in München anschlussfähig war.

Schmidt entschied sich für eine Architektur, die verschiedene historische Sprachen miteinander verbindet. Das Äußere wird von romanisierenden Formen bestimmt. Der Innenraum erinnert an die rheinische Frühgotik. Die Kuppel wiederum nimmt Anregungen aus der Renaissance auf. Diese Verbindung nennt man Eklektizismus: nicht beliebige Mischung, sondern eine bewusste Auswahl und Neuordnung historischer Formen.

Von außen wirkt die Lukaskirche deshalb schwer und wehrhaft. Rundbogenformen, massive Mauern und die großen Türme geben ihr eine romanische Grundstimmung. Im Inneren verändert sich die Sprache. Spitzbogen, Rippen, Pfeiler und die aufwärts strebenden Raumlinien führen in eine gotische Vorstellung von Höhe und Licht. Über allem liegt die Kuppel, die den Raum wieder sammelt und in eine zentrale Ordnung bringt.

Diese Architektur ist auch eine Aussage über den Ort der evangelischen Gemeinde. Die Kirche sollte nicht wie ein Fremdkörper in der Silhouette Münchens erscheinen. Schmidt griff bewusst auf vorreformatorische Formen zurück. Romanik und Gotik waren in der Stadt mit katholischen Kirchen, mittelalterlicher Tradition und europäischer Sakralarchitektur verbunden. Die evangelische Kirche stellte sich damit in die Geschichte des christlichen Bauens, statt ihre konfessionelle Eigenständigkeit durch eine demonstrativ moderne Form zu markieren.

Das ist eine der Spannungen von St. Lukas: Der Bau ist evangelisch, aber seine Formen sind nicht auf Abgrenzung angelegt. Er sucht Sichtbarkeit durch Anschluss. Er sagt nicht: Wir gehören nicht zu dieser Stadt. Er sagt: Auch wir gehören in ihre große architektonische Erzählung.

4. Das Portal und die Bewegung nach innen

Treten Sie nun näher an das Hauptportal heran. Der Eingangsbereich wird von den beiden Türmen flankiert. Nach historischen Beschreibungen gehören lebensgroße Figuren von Petrus und Paulus zum Portal; über dem inneren Eingangsportal befindet sich ein figurenreiches Tympanon.

Schon hier begegnen sich mehrere Ebenen. Das Portal ist Schwelle, Bild und Stadtfassade. Es nimmt den Menschen aus der Bewegung des Ufers auf und führt ihn in einen Raum, der nach anderen Regeln funktioniert. Draußen bestimmen Fluss, Verkehr, Brücken und Häuserfronten die Wahrnehmung. Drinnen sollen Blick, Klang und Licht neu geordnet werden.

Die Ausrichtung der Kirche ist dabei ungewöhnlich. Der Eingang öffnet sich zur Isar, der Altarraum liegt im Westen. In vielen Kirchen weist der Altar nach Osten, in Richtung des Sonnenaufgangs. St. Lukas kehrt diese Erwartung um, weil die städtebauliche Situation die Eingangsfassade an der Isarseite verlangt.

Das ist kein nebensächliches Detail. Es zeigt, dass Sakralarchitektur immer auch Stadtarchitektur ist. Die liturgische Orientierung musste sich mit dem Grundstück, den Sichtachsen und dem Wunsch nach einem repräsentativen Eingang am Fluss auseinandersetzen. Die Kirche entstand nicht außerhalb der Stadt, sondern aus ihren Bedingungen heraus.

Gehen Sie, wenn der Raum zugänglich ist, langsam durch das Portal. Nicht direkt auf den Altar zu. Lassen Sie den Blick zunächst nach oben steigen.

5. Die Vierung und die große Kuppel

Im Zentrum der Kirche liegt die Vierung, also der Bereich, in dem sich die Haupträume kreuzen. Ihr Grundriss folgt einem griechischen Kreuz. Die Kuppel wird von vier freistehenden Bündelpfeilern getragen. Historische Beschreibungen nennen für das Kuppelquadrat eine Weite von etwa 14 Metern und für die Kuppel eine äußere Höhe von ungefähr 64 Metern.

Die vier Pfeiler sind nicht bloß technische Träger. Sie teilen den Raum und halten ihn zugleich offen. Zwischen ihnen entsteht ein Zentrum, das nicht wie ein langer Korridor auf ein fernes Ziel zuläuft. Der Raum sammelt die Menschen unter der Kuppel. Erst danach führen die einzelnen Richtungen weiter: zum Altar, zu den Emporen, in die Seitenschiffe und zurück zum Portal.

Hier zeigt sich der Unterschied zu einer rein längsgerichteten Kirche. In einem langen Kirchenschiff wird der Blick meist nach vorne gezogen. In St. Lukas wird er zunächst angehoben und verteilt. Die Kuppel macht aus der Bewegung eine Versammlung. Das ist architektonisch und theologisch lesbar: Die Gemeinde erscheint nicht nur als Reihe von Menschen, die auf einen Punkt schauen, sondern als Körper, der sich unter einem gemeinsamen Raum sammelt.

Die Kuppel ist von außen das weithin sichtbare Zeichen. Innen wird sie zur akustischen und optischen Mitte. Stimmen und Musik erhalten ein anderes Gewicht. Die Höhe macht den Menschen klein, aber nicht notwendig verloren. Sie gibt dem Einzelnen einen Platz in einer Ordnung, die größer ist als er selbst.

An den Pfeilern und in den Übergängen zwischen den Raumteilen lohnt der Blick auf die Materialität. Die tragenden Säulen und die Gliederung des Innenraums sind nicht als neutrale Konstruktion versteckt. Stein, Rippen, Bögen und Gewölbe zeigen, wie der Raum gebaut ist. Historismus ist hier nicht nur Dekor. Die historische Form wird zum Mittel, Statik sichtbar und Bedeutung fühlbar zu machen.

6. Licht: Rosetten, Glas und Erinnerung

Die großen Rosettenfenster gehören zu den markantesten Elementen der Kirche. Ihre Gliederung mit Säulchen und die tiefen Gewände machen aus den Öffnungen plastische Bauteile. Sie sind nicht einfach Löcher in einer Wand, sondern eigene Architekturen innerhalb der Architektur.

Das farbige Licht war für den ursprünglichen Raumeindruck entscheidend. Die Fenster stammten aus der Werkstatt der Mayer’schen Hofkunstschule. Während des Zweiten Weltkriegs gingen die Farbglasfenster bei einem Luftangriff verloren; nach dem Krieg wurden sie wiederhergestellt, damit der mystische Charakter des Raumes erhalten blieb.

Diese Geschichte verändert den Blick auf das Licht. Was heute als geschlossenes, zusammenhängendes Programm erscheint, ist zugleich Ergebnis von Verlust und Wiederherstellung. Die Fenster sind nicht nur Ausstattung. Sie tragen die Erinnerung an die Zerstörung und an die Entscheidung, eine bestimmte Raumwirkung wiederzugewinnen.

Über einzelne Stiftungen ist die ursprüngliche Bedeutung der Fenster überliefert. Die Rosetten an der Nord- und Südseite wurden von Prinzregent Luitpold gestiftet; sie bezogen sich auf Geburt und Himmelfahrt Christi. In dieser Geste begegnen sich Landesherr, Stadt und evangelische Gemeinde. Die Kirche war aus Spenden und kirchlichen Mitteln finanziert worden, doch ihre sichtbare Ausstattung stand zugleich im Zusammenhang mit dem bayerischen Herrscherhaus.

Bleiben Sie unter einer Rosette stehen. Der Blick durch farbiges Glas ist nie nur ein Blick auf ein Bild. Er verändert die Farbe des Raumes. Das Licht kommt nicht neutral herein. Es wird zu einer Atmosphäre, die den Stein, die Gewölbe und die Menschen miteinander verbindet.

7. Der Altar und die Kreuzabnahme

Gehen Sie nun in Richtung Altarraum. Das Hochaltarbild zeigt die Grablegung Christi und stammt von Gustav Adolf Goldberg.

Die Wahl dieses Motivs ist bemerkenswert. Die Grablegung ist kein triumphaler Augenblick. Sie zeigt den Moment zwischen Tod und Auferstehung, zwischen Verlust und der Hoffnung auf eine kommende Verwandlung. In einem evangelischen Kirchenraum, der stark von Wort, Predigt und Gemeindegesang geprägt ist, setzt das Bild einen konzentrierten visuellen Akzent.

Achten Sie zunächst auf die Komposition und nicht auf kunsthistorische Einzelheiten. Die Körper sammeln sich um den toten Christus. Die Bewegung führt nach unten, zur Erde, zum Grab. Gleichzeitig bleibt die Szene nicht abgeschlossen. Die Grablegung ist im christlichen Zusammenhang nie nur Ende. Ihr Sinn entsteht aus dem, was folgt.

Der Altaraufbau selbst ist aus Kalkstein und Marmor gearbeitet und nimmt die Formensprache des Eingangsportals auf. Damit antwortet der Innenraum auf die Außenarchitektur. Das Portal markiert den Eintritt in die Kirche; der Altar bildet im Inneren eine zweite, geistliche Schwelle. Beide sind architektonisch verwandt. Man kommt durch eine gestaltete Öffnung in den Raum und gelangt schließlich zu einem gestalteten Ort der Sammlung.

Diese Verbindung ist typisch für die Lukaskirche. Ihre Ausstattung ist nicht aus beliebigen Einzelstücken zusammengesetzt. Architektur, Altar, Kanzel, Taufstein, Fenster, Bänke und Orgel gehören zu einem umfassenden Entwurf. Deshalb wird St. Lukas als sakrales Gesamtkunstwerk des Historismus beschrieben.

Der Begriff „Gesamtkunstwerk“ darf dabei nicht bedeuten, dass alles gleichartig wäre. Er meint, dass verschiedene Künste gemeinsam an einer Raumwirkung arbeiten. Stein trägt, Glas färbt, Malerei erzählt, Musik bewegt und die Anordnung der Bänke formt die Gemeinde als sichtbaren Körper.

8. Kanzel, Taufstein und die evangelische Ordnung des Raumes

Schauen Sie nun nicht nur zum Altar, sondern auch zur Kanzel und zum Taufstein. Beide gehören zu den zentralen liturgischen Orten der evangelischen Kirche. Die historischen Beschreibungen nennen Altar, Kanzel und Taufstein als Ausstattung aus farbigem poliertem Marmor, verbunden mit Bronzeplastik.

Damit wird die evangelische Raumordnung sichtbar. Der Altar steht für das Abendmahl und die Gegenwart Christi. Der Taufstein erinnert an die Aufnahme in die Gemeinschaft. Die Kanzel gibt der Predigt einen architektonischen Ort. Keiner dieser Punkte kann vollständig für sich allein gelesen werden.

Der Kirchenraum ist also nicht nur auf das Bild über dem Altar ausgerichtet. Er organisiert Hören, Sehen und Teilnahme. Das Wort soll verständlich sein. Die Gemeinde soll den liturgischen Handlungen folgen können. Die Sakramente erhalten feste Orte. Die Kunst unterstützt diese Ordnung, ohne sie vollständig zu ersetzen.

Gerade darin unterscheidet sich St. Lukas von einer Kirche, die nur als Bildergalerie verstanden wird. Ihre Kunstwerke sind wichtig, aber sie gehören in einen benutzten Raum. Die Kirche war von Anfang an für Gottesdienst, Musik, Gemeinde und öffentliche Präsenz gedacht. Ihre monumentale Form ist nicht Selbstzweck. Sie soll eine große Gemeinde aufnehmen und ihr eine gemeinsame Stimme geben.

9. Emporen, Bänke und der Klang der Gemeinde

Wenden Sie den Blick nach oben zu den Emporen. Die Kirche bot ursprünglich fast 1.000 Menschen im Erdgeschoss und weitere rund 700 auf den Emporen Platz. Die Zahlen machen die Dimension des Baus verständlich. St. Lukas ist nicht als intime Hauskapelle geplant. Sie ist ein Raum für eine große städtische Gemeinde.

Die Kirchenbänke gehören ebenfalls zur ursprünglichen Gestaltung. Auf ihren Armlehnen finden sich die Symbole der vier Evangelisten: Mensch, Löwe, Stier und Adler. Diese Symbole verbinden den Namen der Kirche mit dem größeren Evangelienprogramm. Lukas ist nicht isoliert, sondern Teil einer Gruppe von vier Evangelisten. Das Detail ist klein genug, um übersehen zu werden, und genau deshalb für einen Rundgang geeignet.

Betrachten Sie eine Bank aus der Nähe. Ihr Holz ist nicht nur Mobiliar. Die Bänke ordnen den Körper, die Blickrichtung und die Dauer des Aufenthalts. Sie machen aus vielen einzelnen Besuchern eine versammelte Gemeinde. Zugleich tragen sie die Spuren einer langen Nutzung. In einem Denkmal sind solche Gebrauchsspuren nicht bloß Abnutzung. Sie erzählen davon, dass Architektur über Generationen hinweg verwendet wird.

Die Emporen verändern die Akustik und die soziale Wahrnehmung des Raumes. Musik und Gesang erhalten einen erhöhten Ort. Die Gemeinde sitzt nicht nur unten vor dem Altar, sondern umgibt den zentralen Raum. Dadurch wird die Kuppel zu einer Art Resonanzkörper für die liturgische und musikalische Nutzung.

St. Lukas besitzt bis heute eine starke kirchenmusikalische Tradition. Die Gemeinde verweist besonders auf ihren Gospelchor, der seit 1991 besteht und über München hinaus bekannt geworden ist. So reicht eine Linie vom historischen Raum zur Gegenwart: Die Architektur des späten 19. Jahrhunderts wird nicht nur konserviert, sondern weiterhin mit Stimmen, Musik und gemeinschaftlicher Nutzung gefüllt.

10. Die Orgel als zweites Zentrum

Wenn Sie sich nun dem Bereich der Orgel zuwenden, verändert sich die Hierarchie des Raumes ein weiteres Mal. Die Orgel sitzt nicht im Zentrum wie die Kuppel und steht nicht am Zielpunkt wie der Altar. Sie ist erhöht und zugleich im Hintergrund. Ihr Klang aber kann den gesamten Raum erreichen.

Die heutige Steinmeyer-Orgel wurde 1932 eingebaut. Sie gehört damit nicht zur ersten Ausstattung des Jahres 1896, sondern zu einer späteren Schicht der Kirchengeschichte. Genau solche Schichten machen ein Denkmal lebendig. Die Kirche ist nicht in einem einzigen Jahr stehen geblieben. Ihre Nutzung hat neue Instrumente, neue Erinnerungen und neue Formen der Musik aufgenommen.

Die Orgel verbindet Architektur und Zeit. Ihr Klang bewegt sich durch die historische Raumhülle, ohne selbst historistisch sein zu müssen. Im Lauf der Jahrzehnte wurde sie zum Klangdokument einer weiteren Epoche. Ihre technische Erneuerung ist deshalb nicht nur eine Reparaturfrage. Sie berührt die Frage, wie ein Instrument aus den 1930er Jahren in einem Kirchenraum des späten 19. Jahrhunderts weiterleben kann.

Stellen Sie sich vor, wie ein einzelner Ton unter der Kuppel steht. Zunächst kommt er aus einem konkreten Instrument. Dann löst er sich von seinem Ursprung. Die Pfeifen verschwinden im Raum, der Nachhall verbindet die Seiten, die Emporen und das Gewölbe. Der Bau wird hörbar.

11. Die Kirche im Viertel: Mariannenplatz und Lehel

Verlassen Sie den Innenraum wieder über das Portal und treten Sie auf die Isarseite. Drehen Sie sich um und sehen Sie zurück. Von außen wirkt St. Lukas jetzt anders als beim Beginn am Fluss. Sie haben den Raum von innen erlebt. Die Kuppel ist nicht mehr nur ein Stadtzeichen. Sie ist die äußere Hülle eines zentralen, nach oben geöffneten Innenraums.

Gehen Sie nun, wenn der Weg zugänglich ist, um die Kirche in Richtung Mariannenplatz. Der Platz bildet die bürgerliche Seite des Baus. Hier wird sichtbar, wie eng Kirche und Viertel miteinander verbunden sind. St. Lukas steht nicht in einem isolierten Park. Häuserfronten, Straßen, Platzraum und Flussufer geben ihr den Rahmen.

Das Lehel war im 19. Jahrhundert stark im Wandel. Aus einer älteren Vorstadt entwickelte sich ein dichtes, bürgerliches Quartier. Die nahe Maximilianstraße brachte eine große staatliche und kulturelle Achse in die Umgebung. Die Thierschstraße verband unterschiedliche Räume des Viertels. St. Lukas war Teil dieser Stadtentwicklung und zugleich ihr religiöses Zeichen.

Die Kirche erzählt deshalb nicht nur die Geschichte der Protestanten. Sie erzählt auch von der Modernisierung Münchens. Eine wachsende Gemeinde brauchte eine größere Kirche. Ein sich verdichtendes Viertel brauchte Orientierungspunkte. Eine Stadt, die sich am Fluss und an neuen Achsen ordnete, erhielt mit St. Lukas einen Bau, der diese Bewegungen sichtbar machte.

Der Name Mariannenplatz erinnert zudem daran, dass die Stadt nicht nur aus großen Staatsachsen besteht. Plätze, Wohnhäuser, Kirchen und Wege bilden ein Netz alltäglicher Orientierung. St. Lukas gibt diesem Netz einen Mittelpunkt, ohne den Platz vollständig zu beherrschen. Ihre Kuppel ist groß. Ihre Wirkung entsteht aber erst im Zusammenspiel mit dem Maßstab des Viertels.

12. Krieg, Erhaltung und die Gegenwart des Denkmals

Die Lukaskirche blieb im Zweiten Weltkrieg weitgehend erhalten. Gleichzeitig wurden ihre Farbglasfenster zerstört und nach dem Krieg wiederhergestellt. Diese Kombination aus materieller Kontinuität und Verlust erklärt einen Teil ihrer heutigen Wirkung. St. Lukas ist nicht einfach unberührt geblieben. Sie ist erhalten, weil Menschen entschieden haben, was repariert, rekonstruiert und weiter genutzt werden sollte.

Auch die Innenausstattung ist gefährdet und wird beziehungsweise wurde im Rahmen einer umfassenden Sanierung bearbeitet. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz weist auf den Zustand von Wänden, Säulen, Decken, Böden, Altaraufbau, Kirchenbänken und Orgel hin. Ein Denkmal zu erhalten bedeutet hier nicht, es stillzustellen. Es bedeutet, seine Benutzung unter veränderten technischen und gesellschaftlichen Bedingungen möglich zu halten.

Das ist besonders wichtig, weil St. Lukas mehrere Aufgaben zugleich erfüllt. Sie ist Gottesdienstraum, Baudenkmal, Konzertort und kultureller Veranstaltungsraum. Die Gemeinde beschreibt ihre Kirche als Ort für Gottesdienst, Gebet, Musik, Kunst und Theater. Die Architektur muss daher nicht nur betrachtet, sondern akustisch, technisch und sozial weiter funktionieren.

Die Spannung zwischen Erhaltung und Veränderung lässt sich an den Kirchenbänken, der Orgel und der Beleuchtung ablesen. Alles, was erhalten werden soll, muss auch geprüft, gesichert und manchmal technisch angepasst werden. Der historische Raum bleibt nicht dadurch lebendig, dass man ihn vor jeder Nutzung schützt. Er bleibt lebendig, wenn Nutzung und Denkmalpflege einander nicht zerstören.

13. Der Rundgang endet am Fluss

Kehren Sie zum Isarufer zurück. Der beste Schluss liegt nicht unbedingt im Inneren der Kirche. Er liegt dort, wo die Stadt ihre Perspektive wieder öffnet.

Sehen Sie noch einmal auf die Kuppel. Jetzt lassen sich mehrere Geschichten übereinanderlegen: die Geschichte einer wachsenden evangelischen Gemeinde; die konfessionelle Ordnung des Königreichs Bayern; die Architektur Albert Schmidts; die Sprache des Historismus; die Zerstörung und Wiederherstellung der Fenster; die Musik der Orgel; die Stimmen der Gemeinde; die heutige Nutzung als Gotteshaus und Kulturort.

Nichts davon erklärt die Kirche allein. Ihre Bedeutung entsteht aus der Verbindung. Ein einzelnes Fenster wäre ein Kunstwerk. Eine einzelne Orgel wäre ein Instrument. Ein einzelnes Portal wäre ein Bauteil. In St. Lukas antworten diese Dinge aufeinander. Das Portal führt in den Raum. Die Kuppel sammelt ihn. Das Licht verändert ihn. Der Altar verdichtet die Geschichte. Kanzel und Taufstein ordnen die Gemeinde. Die Orgel macht das Gewölbe hörbar. Die Bänke bewahren die Spuren derer, die hier saßen.

Die Lukaskirche ist deshalb mehr als ein besonders großer Bau im Lehel. Sie ist ein Versuch, eine Gemeinde in der Stadt sichtbar zu machen, ohne die Stadt zu verlassen. Sie nimmt Formen aus der Vergangenheit auf, um einer modernen, wachsenden Gegenwart Raum zu geben. Sie steht am Fluss, aber sie ist kein ruhiger Rückzugsort außerhalb der Geschichte. Durch ihre Lage, ihre Größe und ihre Nutzung ist sie in die Stadt eingebunden.

Wenn Sie am Ufer weitergehen, verschiebt sich die Perspektive. Die Kirche wird kleiner, die Kuppel sinkt hinter Bäume und Häuser zurück. Doch sie bleibt als Orientierungspunkt bestehen. Vielleicht ist das die passendste Schlussbewegung: St. Lukas verschwindet nicht plötzlich. Sie tritt langsam in die Stadt zurück, die sie sichtbar gemacht hat.

Weitere Bilder

Anzeige · 300×250

Verwandte Guides