Thierschstraße · München · Stadtgeschichte, Architektur

Eine Straße, die erst gemacht werden musste

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Vorbemerkung

Dieses Buch folgt einer Straße und ihren Nebenräumen. Es geht vom Isartor zum Thierschplatz, macht Schleifen zum Mariannenplatz, an die Maximilianstraße und zum St.-Anna-Platz. Die Architekturangaben stützen sich vor allem auf die Denkmalliste des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege; historische Personen- und Institutionsgeschichten sind im Anmerkungsapparat belegt. Wo Bauzeiten oder Zuschreibungen in älterer Literatur leicht abweichen, ist die heutige Denkmalliste maßgeblich.1

Die Straße ist kein Museum und keine Kulisse. Häuser werden bewohnt, umgebaut, saniert, mit Läden versehen oder hinter Gerüsten verborgen. Der Spaziergang beschreibt daher den überlieferten Bestand und seine Lesbarkeit im Stadtraum, nicht den Anspruch auf Zugang zu privaten Höfen oder Wohnungen.

Eine Straße, die erst gemacht werden musste

Die Thierschstraße hat nicht den großspurigen Auftakt einer Münchner Staatsstraße. Sie beginnt am Isartor beinahe im Gedränge: Verkehr, Tram, Passanten, der Rest einer mittelalterlichen Schwelle. Dann zieht sie ostwärts und nordwärts, knickt am Mariannenplatz, schneidet die Maximilianstraße und läuft bis zum dreieckigen Thierschplatz. Weniger als ein Kilometer. Aber diese kurze Strecke enthält, dicht zusammengedrängt, beinahe die ganze Geschichte des Lehels: die nasse Vorstadt, das Gewerbe am Wasser, die königliche Ordnungslust, die Mietshausstadt des Bürgertums, protestantische Sichtbarkeit, jüdisches Leben, nationalsozialistische Gewaltgeschichte, Frauenbewegung, Krieg, Restaurierung und den gegenwärtigen Druck einer hochpreisigen Innenstadtlage.

Wer nur an der Fassade entlangschaut, könnte das Lehel für eine besonders geglückte Versammlung von Gründerzeit halten. Das wäre wahr und doch zu bequem. Die Ruhe dieser Straßen ist keine ursprüngliche Ruhe. Sie ist ein später Zustand, durch Regulierung, Abbruch, Überbauung, Zerstörung und denkmalpflegerische Arbeit hervorgebracht. Das Viertel war lange keine noble Randlage der Residenz, sondern ein Gelände zwischen Stadtmauer und Isar: Auenraum, Bachnetz, Arbeitsort, Vorstadt.

Schon der Name Lehel ist nicht ganz unschuldig. Er wird mit Lehen und den an Wasserläufen betriebenen Gewerken verbunden; andere Deutungen führen ihn auf den lichten Wald zurück. Sicher ist die soziale Topographie: Hier wohnten viele Menschen, die innerhalb der Stadt keine Niederlassung erwerben konnten. Mühlen, Hämmer, Schmieden, Bleichen und Färbereien brauchten Wasser und Abstand. Die Stadt lag hinter ihren Toren, das Lehel davor – nah genug, um von München abhängig zu sein, weit genug, um seine Zumutungen aufzunehmen.2

Diese Vergangenheit ist aus dem Straßenbild nicht verschwunden, aber sie liegt unter ihm. Die heute geschlossene Front der Thierschstraße setzt eine Landschaft voraus, die erst trockengelegt, kanalisiert, überbrückt und parzelliert werden musste. Noch im 19. Jahrhundert gliederten Bäche, Kanäle und ein unregelmäßiges Wegenetz das Gebiet. Der Triftkanal führte Holz; seine Auflassung 1881 schuf erst die Möglichkeit, den nördlichen Bereich in der heutigen Dichte auszubauen. Am Thierschplatz lässt sich das besonders anschaulich denken: Die dreieckige Figur war älter als die großstädtische Randbebauung, doch erst die technische Umformung machte aus ihr einen Platz.3

Die vielleicht schönste Pointe dieser Stadtgeschichte lautet: Das vornehme Lehel ist über Arbeit gebaut. Unter den Stuckaturen liegen die Bedingungen eines Viertels, das lange mit Wasser, Holz, Handwerk und Armut zu tun hatte. Man muss diese Herkunft nicht romantisieren. Sie erklärt jedoch, weshalb die spätere Architektur hier so entschieden nach Bildung, Ordnung und Aufstieg aussieht. Sie war auch eine Antwort auf das, was vor ihr lag.

Die Bresche des Königs

Der große Einschnitt kam quer zur späteren Thierschstraße. Ab 1853 ließ Maximilian II. die Maximilianstraße durch Altstadt und Lehel führen. Friedrich Bürkleins Projekt war nicht einfach eine neue Verbindung zur Isar. Es war ein Staatsbild aus Stein: eine Achse, die das Zentrum mit dem Maximilianeum verband, Verwaltung, Museum, Denkmal und Fluss in eine Erzählung von Bildung und Monarchie setzte. Das alte Geflecht der Vorstadt wurde von dieser geraden Linie nicht behutsam ergänzt, sondern überlagert.4

Erst nach der Ausbildung dieses Forums bekam die Thierschstraße ihre heutige Rolle. Um 1875 wurde ihr Verlauf als neue Nord-Süd-Verbindung festgelegt. Nicht zufällig liegt der Schnittpunkt am Maxmonument. Von dort entfaltet sich ein Blicksystem: nach Norden zum Thierschplatz, nach Süden in Richtung Mariannenplatz und St. Lukas, nach Osten zum Maximilianeum, nach Westen in das Forum der Maximilianstraße. Was heute wie ein angenehmer Zufall der Perspektive wirkt, ist präzise Stadtbaukunst.

Der nördliche Teil trug seit 1877 den Namen Thierschstraße. Der südliche Abschnitt zum Isartor hieß zuvor „an der unteren Lände“, später Fabrikstraße, und wurde erst 1890 einbezogen. In dieser Namensgeschichte steckt die ganze Spannung der Straße. Die Fabrikstraße gehört noch der gewerblichen, wassergebundenen Vorstadt; die Thierschstraße gehört bereits der bürgerlichen Stadtplanung. Der neue Name machte aus zwei Abschnitten einen einzigen, ohne den Unterschied ihrer Herkunft ganz auszulöschen.5

Namensgeber ist Friedrich Wilhelm von Thiersch, Altphilologe, Pädagoge und ein prägender Reformer des bayerischen höheren Schulwesens. Die Bezeichnung Praeceptor Bavariae, Lehrer Bayerns, ist zugleich Ehrentitel und Programm. Eine Straße, die so heißt, führt später am Wilhelmsgymnasium vorbei. Die Münchner Verwechslung liegt nahe: Der Architekt Friedrich von Thiersch war der Enkel des Namensgebers. Die Familie hat ihre Spuren in München auf verschiedene Weisen hinterlassen; die Straße aber ehrt den Bildungsreformer, nicht den Baumeister.6

Die Straße als Schnitt durch die Stadtgesellschaft

Jede historische Straße besitzt eine doppelte Ordnung. Die eine ist sichtbar: Hausnummern, Fassaden, Kreuzungen, Baumreihen, Ladenfronten. Die andere muss erschlossen werden: Eigentum, Mieten, Vereine, Schulen, Druckereien, religiöse Gemeinden, politische Netzwerke. In der Thierschstraße liegen beide Ordnungen ungewöhnlich dicht beieinander. Der Bildungsreformer gibt ihr den Namen; das Gymnasium setzt ein architektonisches Ausrufezeichen; ein Schriftsteller wird hier geboren und ein anderer stirbt hier; ein Frauenverein arbeitet an derselben Adresse, an der wenige Jahrzehnte zuvor vielleicht ein ganz anderes Milieu prägend war; Parteipresse und Gewaltherrschaft beziehen Räume, die nach außen nichts von ihrer späteren Rolle verraten.

Das erklärt auch die besondere Stimmung des Lehels. Die Straße wirkt häufig ruhiger, als es ihre Geschichte erlauben dürfte. Dies ist keine Entgegensetzung von Gegenwart und Vergangenheit. Gerade die geschlossene Wohnarchitektur hat das Gedächtnis so gut versteckt. In einer Stadt der großen Orte – Hofbräuhaus, Feldherrnhalle, Königsplatz – erinnert die Thierschstraße daran, dass Geschichte ebenso sehr in Treppenhäusern, Mietverhältnissen, Vereinszimmern, Schulwegen und Redaktionsräumen entsteht. Nicht alles wird durch ein Monument kenntlich.

Die geschlossene Front war zudem eine soziale Maschine. Das Gründerzeit-Mietshaus bot keine egalitäre Wohnform, aber es bündelte unterschiedliche Nutzungen: Laden oder Büro im Erdgeschoss, Wohnungen in den oberen Etagen, Dienstboten- und Nebenräume, Höfe für Versorgung und Arbeit. Die Fassade versprach Einheit, während sich dahinter abgestufte Lebenswelten organisierten. Dass ein Eckhaus prächtiger sein konnte als die Mitte der Zeile, dass ein Erker den Blick und den Rang verschob, war Teil dieser Ökonomie der Adresse.

Fassaden als gesellschaftliche Sprache

Die Thierschstraße entstand überwiegend in einer kurzen, enorm produktiven Bauphase zwischen den späten 1870er Jahren und dem Ersten Weltkrieg. Die Folge wirkt nicht deshalb geschlossen, weil alle Häuser gleich wären. Sie wirkt geschlossen, weil sie dieselbe urbane Grammatik spricht: vier oder fünf Geschosse, klare Traufhöhen, das Erdgeschoss als öffentliche oder halböffentliche Zone, darüber das geordnete Spiel von Fensterachsen, Erkern, Balkonen, Gesimsen und Dachaufbauten.

Neurenaissance, deutsche Renaissance, Neubarock, Jugendstil, Reformarchitektur: Die Etiketten sind hilfreich, solange sie nicht als Schubladen missverstanden werden. Historismus war keine bloße Verkleidung. Er war ein soziales Vokabular. Renaissance bedeutete bürgerliche Bildung, Regel und Ansehen; Barock konnte Repräsentation und Bewegung behaupten; Jugendstil signalisierte, dass eine neue Zeit nicht mehr allein über die alten Formen sprechen wollte. Ein Mietshaus war zugleich Investition, Adresse und Stadtgesicht.

Die Straße lässt sich deshalb wie ein Fassadenbuch lesen. Ein Erker ist hier selten bloß ein Erker. Er gibt der Wohnung Licht, erlaubt den Blick auf die Straße und markiert den Rang der Ecke. Rustika im Erdgeschoss suggeriert Tragfähigkeit. Ein Mittelrisalit ordnet die Front zu einer kleinen Palastfassade. Balkone machen aus der privaten Wohnung ein öffentlich sichtbares Leben. Dass diese Sprache bis heute überzeugend wirkt, verdankt sich nicht allein dem Originalbestand. Sie ist an vielen Stellen Ergebnis sorgfältiger Sicherung und Rekonstruktion.

Das Haus Thierschstraße 36 ist dafür ein lehrreiches Beispiel. Sein Stuck war so geschädigt, dass Teile abzustürzen drohten. Bei der Sanierung wurden spätere Beschichtungen abgenommen, Putz neu aufgebaut, Ornament und figürliche Reliefs freigelegt beziehungsweise gesichert, die historischen Kastenfenster erhalten. Der heutige Eindruck von Selbstverständlichkeit ist also handwerklich erarbeitet. Authentizität ist in einer alten Stadt oft nicht der unangetastete Zustand, sondern die redliche Pflege einer überlieferten Gestalt.7

Architekturspaziergang: vom Isartor zum Thierschplatz

1–14: Der Übergang aus der alten Vorstadt

Der sinnvollste Beginn liegt am Isartorplatz. Man geht nicht mit dem Blick sofort nach oben. Zunächst lohnt der Blick auf die Führung der Straße: Der erste Abschnitt ist nicht die starre Gerade des späteren Planungsstücks. Er bewegt sich leicht, als erinnere er sich noch an Länden, Bäche und die ältere Parzellenwelt.

Nr. 1 ist ein markanter Auftakt. Heilmann & Littmann errichteten das Mietshaus 1900 in Formen der deutschen Renaissance. Die Fassade nimmt sich nicht klein aus: Sie zeigt, dass der Übergang vom Isartor ins Lehel als Adresse verstanden werden sollte. Besonders lesbar ist die Vertikale, die sich aus Sockel, Obergeschossen und Dachzone aufbaut. Der Bau empfiehlt nicht Gemütlichkeit, sondern städtische Solidität.8

Nr. 3, ebenfalls von Heilmann & Littmann, folgt 1903. Zwei steinerne Erker setzen der Front einen plastischen Rhythmus entgegen. Wer aus der Altstadt kommt, erlebt die Häuser 1 und 3 fast wie ein Torpaar – nicht symmetrisch im strengen Sinn, aber verwandt genug, um einen Auftakt zu bilden. Die deutsche Renaissance ist hier nicht archäologisch, sondern großstädtisch: sie liefert Giebel-, Erker- und Steinmotive für ein modernes Miethaus.

Nr. 4 und Nr. 5 bilden den nächsten Takt. Nr. 4 ist als Neurenaissance-Mietshaus in der Denkmalliste geführt; Nr. 5 entstand 1890 ebenfalls in diesem Stil. Gerade an solchen Nachbarhäusern zeigt sich, dass der Charakter der Straße nicht von einzelnen Meisterwerken abhängt. Die Wiederholung der Geschosshöhen, Gesimse und Fensterformate erzeugt den Straßenraum. Man sollte auf die Proportionen achten: Ein Haus kann in seinem Detailreichtum zurückhaltend sein und dennoch die ganze Zeile zusammenhalten.

Nr. 7, ein Neurenaissance-Mietshaus von 1895, und Nr. 8 von 1890 verdichten diese Sprache. Das Sichtbare ist hier vor allem die Disziplin der Fassade: horizontale Bänder gegen die hohe Wand, Fenster als gleichmäßiger Takt, plastische Akzente an ausgewählten Stellen. Das bürgerliche München des späten 19. Jahrhunderts liebte keine nackte Fläche; doch es verteilte Dekor in einer Ordnung, die sich als Ernst ausgeben konnte.

Nr. 10 gehört ebenfalls in diese Gruppe von 1890. Gegenüber folgt mit Nr. 11 ein deutlicher Wechsel. Eugen Hönig und Karl Söldner bauten 1910/11 ein Geschäftshaus, das sich von der dekorativen Wohnhausfront absetzt. Große Öffnungen, Pfeiler und eine kräftigere Gliederung machen die wirtschaftliche Nutzung lesbar. An dieser Stelle stand zuvor die Simon-Walser-Mühle – ein Echo der alten wasserabhängigen Ökonomie, das in den Quellen noch greifbar ist.9

Die spätere Geschichte von Nr. 11 verlangt einen nüchternen Blick. Der Franz-Eher-Verlag, 1920 von der NSDAP übernommen, hatte hier seinen Sitz und wurde zum zentralen Parteiverlag des Regimes. Der Völkische Beobachter und andere Propagandapublikationen gehörten zu seinem System. Die Architektur gibt darüber keine Auskunft. Gerade darin liegt ihre historische Schwierigkeit: Ein ganz normal wirkendes Geschäftshaus kann eine Infrastruktur der Diktatur beherbergen. Die Adresse ist kein Anlass für Schauergeschichte, sondern für Genauigkeit über die Wege, auf denen Ideologie Verwaltung, Presse, Produktion und Alltag besetzte.10

Nr. 14 ist der große stilistische Einspruch dieses ersten Abschnitts. Ludwig Franz Spreither errichtete den Eckbau 1907 als Jugendstil-Mietshaus. Erker und Balkone werden weniger als strenge Renaissancegliederung, stärker als bewegte, grafische Figur behandelt. Der Bau zeigt die Zeit, in der München sich von der akademischen Sicherheit des Historismus löste, ohne dessen Sinn für Reichtum und Inszenierung ganz aufzugeben. Lion Feuchtwanger wohnte 1915 bis 1917 mit Marta Feuchtwanger in Nr. 14; geboren wurde er 1884 in Nr. 9. Seine frühe Topographie liegt damit in wenigen Schritten beieinander.11

Zwischen den genannten Adressen liegt kein lückenloses Architekturlexikon. Gerade das ist aufschlussreich. Die unauffälligen Häuser, die Parterre-Umbauten, die Läden und die dazwischen liegenden Fassaden machen die Straße zur bewohnten Stadt und bewahren sie davor, eine Musterstrecke zu werden.

Worauf der Blick unterwegs achten kann

Ein Haus zeigt sich nicht auf einmal. Von der gegenüberliegenden Seite liest man zuerst die Silhouette: Traufe, Dach, Erker, vielleicht eine Kuppel. Beim Näherkommen gliedern Gesimse die Etagen. Auf der Höhe des Erdgeschosses verändert sich die Zeit: Hier sitzen die modernsten Eingriffe, Schaufenster, Beschilderung, Türen, technische Einrichtungen. Nach oben zu werden die Fassaden meist historischer. Diese ungleiche Alterung ist kein Fehler des Straßenbildes, sondern sein Protokoll. Das Erdgeschoss muss in der Gegenwart funktionieren; die oberen Geschosse tragen das Gedächtnis der Bauzeit weiter.

Die Fenster sind dabei entscheidend. Ihr Format, ihr Abstand, die Tiefe der Laibung, die Teilung des Rahmens: all das bestimmt, ob eine Fassade leicht oder schwer, streng oder bewegt wirkt. Im Historismus ist das Fenster keine neutrale Öffnung. Es ist ein Baustein eines Rhythmus, der sich über fünf Geschosse erstrecken kann. Wo alte Kastenfenster erhalten sind, bewahren sie nicht nur Material, sondern ein Maßverhältnis von Glas, Holz und Wand.

Auch der Wechsel der Straßenseiten lohnt. Auf der einen Seite nimmt das Licht die Reliefs stärker heraus; auf der anderen wird die Wand zur Fläche. Die Thierschstraße ist kein Freilichtmuseum der Einzelobjekte, sondern eine Sequenz. Ihre Architektur wird erst in der Bewegung verständlich: ein Erker beantwortet einen gegenüberliegenden, ein Eckbau bereitet die Kreuzung vor, eine etwas höhere Front markiert eine Platzkante.

17–29: Bürgerlichkeit, Emanzipation und der Platz an der Isar

Bei Nr. 17 wechselt die historische Aufmerksamkeit von der Bauform zur Nutzungsgeschichte. Von 2004 bis 2020 hatte der Verein für Fraueninteressen hier seine Geschäftsstelle; auch der Stadtbund Münchner Frauenverbände arbeitete an der Adresse. Der Verein geht auf die 1894 gegründete Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau zurück und zählt zu den Keimzellen der bürgerlichen Frauenbewegung in Bayern. An dieser Stelle wurden Beratung, Bildungsarbeit, Sprach- und Integrationsangebote organisiert. Die Straße erzählt daher nicht nur von männlicher Bildungs- und Baugeschichte. Sie enthält auch einen Ort praktischer Emanzipationsarbeit.12

Nr. 19 ist ein Neurenaissance-Mietshaus von 1890. Nr. 20, 1894 von Karl Stöhr erbaut, nimmt den Stil mit einer stärker autorisierten Handschrift auf. Seine Nachbarn erinnern daran, dass die historische Fassade immer auch Kalkül war: Ein Architekt entwarf nicht für die Einsamkeit, sondern für die Konkurrenz der Straße. Der Wert eines Hauses entstand mit dem Wert der Zeile.

Bei Nr. 21 und Nr. 23 wird der Ton barocker. Franz Hammel errichtete Nr. 21 1893 und Nr. 23 1894 als neubarocke Mietshäuser. Der Neubarock arbeitet mit kräftigerer Bewegung, mehr plastischem Anspruch, größerer Lust am dramatischen Detail. Zwischen beiden steht Nr. 22, Ludwig Grothes Bau von 1900 in Formen der deutschen Renaissance. So entsteht auf engem Raum ein stilistisches Gespräch: das bewegte, festliche Barock gegen die bildungsbürgerliche Strenge der Renaissance, und dazwischen die Straßenfront, die beide zusammenhält.

Am Mariannenplatz weitet sich die Stadt plötzlich. Der Platz ist keine freie, zufällige Fläche, sondern ein präzise gerahmter Raum: zur Isar hin geöffnet, an den übrigen Seiten mit Gründerzeitfronten gefasst, in der Mitte von St. Lukas beherrscht. Die Thierschstraße tangiert ihn zunächst in leichter Bewegung; danach wird sie zur Geraden. Dieser Übergang ist ein kleines Lehrstück der Raumregie.

Die Häuser Nr. 25, Nr. 27 und Nr. 29 sind als Gruppe zu lesen. Albin Lincke und Max Littmann schufen sie 1889 im Neubarock. Nr. 27 hebt sich als Mittelbau hervor, Nr. 25 und Nr. 29 flankieren ihn, an der Ecke macht eine Kuppel den Bau zur Platzarchitektur. Die Häuser wollen nicht in erster Linie Einzelpersönlichkeiten sein. Sie bilden eine Kulisse, die dem Platz eine höfische, beinahe theatrale Rückwand gibt. Ihre Aufgabe ist nicht bloß Wohnen, sondern Raum zu machen.

Nr. 26, Heinrich Neumanns Neurenaissance-Mietshaus von 1893, und Nr. 28 von 1893 vermitteln zwischen der Gruppe und der fortlaufenden Straße. Hier wird der Unterschied zwischen Haus und Stadtraum deutlich: Das einzelne Gebäude kann bescheidener auftreten, wenn der Platz bereits von der großen Geste der Nachbarn gehalten wird.

Der Mariannenplatz zeigt außerdem, wie sehr die Gründerzeit mit der Abfolge von Enge und Weite arbeitete. Der Straßenraum verdichtet die Aufmerksamkeit, der Platz entlässt sie. Das ist keine bloße Verkehrsfrage. Ein Platz macht die Fassade zur Ansicht; eine Straße macht sie zur Begleitung. Die Baugruppe von 25 bis 29 kann auf dem Platz ihre volle symmetrische Absicht entfalten, während man sie beim bloßen Vorbeigehen eher als Folge plastischer Ereignisse wahrnimmt.

Der Mariannenplatz und St. Lukas

St. Lukas ist die große Überraschung des Lehels. München erwartet man katholisch, barock, turmreich; dann steht am Isarkai dieser evangelische Zentralbau mit Oktogonalkuppel und hohen Portaltürmen. Albert Schmidt errichtete die Kirche 1893 bis 1896. Sie ist nicht nur ein Sakralbau, sondern ein sichtbarer Anspruch der evangelischen Gemeinde auf Präsenz in der Stadt. Ihre Lage am Platz und zur Isar nutzt die offene Kante des Quartiers aus: Die Kirche schaut nicht verschämt aus der Häuserzeile, sie besetzt ihren Raum.13

Das Äußere verbindet romanisierende Formen mit der Kraft eines späten historistischen Großbaus; das Innere greift frühgotische Anklänge auf. Entscheidend ist die Wirkung der Kuppel: Sie lässt die Kirche zugleich zentral und urban erscheinen, weniger als abgegrenztes Gotteshaus denn als Mittelpunkt eines neuen Stadtbildes. Von Norden her wird St. Lukas zur Fernfigur. Zwischen den Häusern der Thierschstraße erscheint die Kuppel wie ein Zielpunkt, ohne dass die Straße geradewegs auf sie zuliefe.

Die Kirche überstand den Zweiten Weltkrieg vergleichsweise gut. Das ist keine Nebensache. In einer Stadt, deren historische Bilder vielfach aus Wiederaufbau, Reparatur und Rekonstruktion bestehen, gehört die materielle Kontinuität von St. Lukas zu ihrer besonderen Wirkung.

31–37: Die Straße wird zur geraden Wand

Von Mariannenplatz zur Maximilianstraße ist die Thierschstraße besonders gut als Folge von Mietshäusern zu lesen. Nr. 31 entstand 1881 nach Plänen Sigmund Aichingers und gehört zur Neurenaissance. Nr. 32 bauten Hans Osswald und Philip Adam 1879; Nr. 33 schufen Alois Dietz und Alois Barbist 1877. Nr. 35 und Nr. 37 stammen ebenfalls aus dem frühen Ausbau, beide von Osswald und Adam, jeweils 1877. Diese Daten sind keine trockene Inventarliste. Sie zeigen, wie rasch der Straßenzug seine urbane Gestalt erhielt: Binnen weniger Jahre wurde aus der Planung eine Wand aus Kapital, Putz, Stein und Mietwohnungen.14

Nr. 36, wiederum von Hans Osswald und Philip Adam, entstand 1879. An diesem Haus ist die Neurenaissance besonders gut als eine Sprache des Reliefs zu verstehen: Stuck um die Fenster, Kapitelle, figürliche Brüstungsfelder, die sich in der Nahsicht vom flachen Straßenbild ablösen. Die preisgekrönte Fassadensanierung hat nicht „eine alte Fassade hübsch gemacht“, sondern Informationen wieder lesbar gemacht. Putz, Ornament, Fensterprofil und Tor erzählen gemeinsam von der ursprünglichen Materialordnung. Genau darin liegt der Unterschied zwischen bloßer Renovierung und denkmalgerechter Instandsetzung.

Die Nummernfolge 31 bis 37 eignet sich für einen langsamen Seitenwechsel. Auf der einen Seite stehen die frühen Bauten mit der Sicherheit frisch erschlossener Grundstücke; gegenüber antwortet die Zeile im selben Maßstab, doch nie als Kopie. Das ist die subtile Qualität solcher Quartiere: Wiederholung erzeugt nicht notwendigerweise Monotonie. Sie kann vielmehr einen Rahmen setzen, in dem einzelne Erker, Portale oder Stuckfelder präzise wahrnehmbar werden. Der Straßenraum ist die gemeinsame Komposition; jedes Haus spielt darin eine Stimme.

Das Maxmonument: das Scharnier der Straße

An der Maximilianstraße wird aus der Häuserfolge ein Stadtbild. Das Maxmonument von Caspar von Zumbusch, 1875 aufgestellt, setzt König Maximilian II. über ein Programm allegorischer Figuren. Frieden, Wissenschaft, Gerechtigkeit und Wehrkraft, dazu die Landesteile Bayern, Pfalz, Schwaben und Franken: Das Denkmal spricht die Sprache eines Staates, der sich als Einheit aus Bildung, Ordnung und Macht aufführt.15

Wichtiger als die ikonographische Vollständigkeit ist die Position. Das Monument steht im Gelenk der Blickachsen. Es ordnet die Kreuzung und macht sie gleichzeitig zur Bühne. Nach Osten läuft die Maximilianstraße zum Maximilianeum, nach Westen in das Forum mit Regierung von Oberbayern und ehemaligem Nationalmuseum, nach Norden und Süden zieht die spätere Thierschstraße. Wer hier stehen bleibt, erkennt, dass das Lehel nicht nur gewachsen ist, sondern komponiert wurde.

Am nordöstlichen Rand liegt das Wilhelmsgymnasium, Nr. 46. Karl Leimbach errichtete den viergeschossigen Bau 1875–77 in Formen der italienischen Hochrenaissance beziehungsweise Neurenaissance. Die Eckpavillons und die aufwendig gegliederte Fassade verleihen einer Schule den Rang eines städtischen Palais. Das passt zum Straßennamen: Bildung wird hier nicht im Hinterhaus verwahrt, sondern am öffentlichen Raum ausgestellt. Lion Feuchtwanger besuchte das Wilhelmsgymnasium seit 1894. Seine literarische Beobachtungsgabe bekam also auch dieses Architekturtheater täglich vor Augen.16

41–55: Erinnerung am Ende der Achse

Zwischen Maxmonument und Thierschplatz wechselt die Straße wieder ihre Temperatur. Nr. 41 ist ein Mietshaus von Albert Schmidt, 1877 in Formen der klassischen Renaissance errichtet. Die Adresse ist mit Adolf Hitler verbunden, der hier von 1920 bis 1929 als Untermieter wohnte. Der Befund wäre unerquicklich genug, wenn er nicht noch komplizierter wäre: Eigentümer wurde 1921 der jüdische Kaufmann Hugo Erlanger. Die Forschung des Instituts für Zeitgeschichte hat diese Konstellation rekonstruiert und die spätere Verfolgung Erlangers, seine Einweisung nach Dachau 1938 und die Restitutionsgeschichte des Hauses sichtbar gemacht.17

Die Adresse ist wichtig, weil sie gegen die bequeme Abstraktion arbeitet. Früher Nationalsozialismus spielte sich nicht nur in Versammlungssälen ab. Er wohnte zur Untermiete, unterschrieb Mietverträge, lebte in Häusern, deren Eigentümer später verfolgt wurden. Daraus folgt keine Entlastung und keine paradoxe Anekdote, sondern ein genauerer Begriff der Gleichzeitigkeit: Öffentliche antisemitische Mobilisierung konnte mit den alltäglichen Abhängigkeiten einer Stadtgesellschaft koexistieren. Das Haus ist weder Wallfahrtsort noch Fußnote. Es ist ein Ort, an dem die Normalität einer Adresse historisch beunruhigend wird.

Nr. 47 wurde 1879 von Georg Bürkel als Neurenaissance-Mietshaus errichtet. Hier starb 1919 der Schriftsteller Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt; eine Gedenktafel erinnert an ihn. Seine populären Bayern- und Waldgeschichten gehören einer anderen literarischen Stadt an als Feuchtwangers politische Romane, aber die Straße hält beide Namen aus. Eine Stadt ist nie nur die Literatur, die sie später am liebsten zitiert.18

Nr. 48 ist der Westbau der Bayerischen Versicherungskammer, 1877–79 entstanden und in der Denkmalliste als Neurenaissancebau geführt. Seine Dimension und Nutzungslogik markieren den Übergang vom individuellen Mietshaus zur institutionellen Architektur. Das Versicherungswesen gehört zur modernen Großstadt nicht weniger als Theater oder Gymnasium: Es organisiert Risiko, Vermögen und Zukunft in Akten, Verträgen und Fassaden.

Nr. 49 entstand 1882 nach Plänen Franz Rattenhubers. Nr. 51 von 1880, Nr. 53 von 1890 und Nr. 55 von Hermann Berthold, 1899, schließen den Straßenzug in Varianten der Neurenaissance ab. Hier lohnt es sich, nicht nach spektakulären Einzelheiten zu suchen. Der Gewinn liegt im Ensemble: gleiche Traufhöhe, horizontale Fassadengliederung, flaches Relief, der spitze Winkel der Baufluchten. Genau diese wiederholten Mittel geben dem Thierschplatz seinen stark räumlichen Charakter.

Der Thierschplatz: ein leiser Schluss

Der Thierschplatz ist das Gegenteil eines Triumphplatzes. Seine unregelmäßige Dreiecksform vermittelt zwischen älterer Triftstraße und jüngerer Tattenbachstraße; die Thierschstraße mündet von Süden ein. Um 1903 wurden Bäume gepflanzt, 1905 kam der Ceres- oder Schnitterinnenbrunnen von Erwin Kurz hinzu. Das Grün und der Brunnen nehmen der Architektur nicht die Strenge, aber sie verwandeln sie in Aufenthaltsraum.19

Die Denkmalliste beschreibt die Randbebauung der Jahre etwa 1885 bis 1900 als homogen und geschlossen. Das trifft die Erfahrung erstaunlich genau. Die Häuser stehen nicht vor einem Platz, sie machen ihn. Ihre horizontal gegliederten, flachplastischen Fassaden fassen die spitzen Winkel, bis aus der unregelmäßigen Geometrie ein Raum wird. Nach Süden öffnet sich die Blickbeziehung: über die Thierschstraße zum Maxmonument und weiter, in der Ferne, zu Chor und Kuppel von St. Lukas. Ein Spaziergang, der am Isartor begann, endet nicht; er kehrt als Blick zurück.

Wer auf dem Platz steht, kann die Straße noch einmal als Satz lesen. Der Anfang am Isartor war ein Übergang aus der älteren Stadt; der Mariannenplatz gab der Route eine offene religiöse Mitte; das Maxmonument setzte das staatliche Scharnier; die nördliche Zeile sammelte sich schließlich in dieser stillen Dreiecksform. Das ist keine lineare Fortschrittsgeschichte. Es ist eine Choreographie, die unterschiedliche Zeiten so miteinander verknüpft, dass sie nebeneinander sichtbar bleiben.

Zwei Umwege, die zum Lehel gehören

St. Anna: die ältere Seele des Viertels

Vom Thierschplatz ist der St.-Anna-Platz nur ein kurzer Weg. Er führt in eine andere Zeit. Hier stehen die Klosterkirche St. Anna und die Pfarrkirche St. Anna einander gegenüber – zwei Bauten, deren Abstand mehr als eine Stilfrage ist.

Die Klosterkirche entstand nach 1725 für das Hieronymitanerkloster; Johann Michael Fischer errichtete sie bis 1733, die Ausstattung mit Beiträgen von Cosmas Damian Asam, Egid Quirin Asam und Johann Baptist Straub war 1737 abgeschlossen. Der Bau antwortete auf eine sehr praktische Not: Das Lehel lag außerhalb der damals abends geschlossenen Stadt, seelsorgerliche Versorgung war nicht selbstverständlich. Die Kirche war zunächst als Pfarrkirche für das Lehel vorgesehen und macht die alte Vorstadt in ihrer sozialen Abhängigkeit fassbar.20

Fischers Frühwerk verschmilzt Längs- und Zentralraum zu einer neuen Raumidee. Das sollte man im Inneren nicht nur als barocke Pracht bestaunen, sondern als Bewegung lesen: Der Raum drängt nicht einfach von der Tür zum Altar, er sammelt und verschiebt den Blick. Das Äußere ist selbst eine Geschichte mehrerer Zeiten. Im 19. Jahrhundert erhielt die Kirche eine neoromanische Doppelturmfassade. Nach der Zerstörung vom 29. April 1944 blieb sie weitgehend nur in den Außenmauern erhalten; der Wiederaufbau begann 1946, die Doppelturmfassade wurde 1948 abgetragen, Erwin Schleich rekonstruierte 1968 die Rokokofassade. Was heute so selbstverständlich frühbarock wirkt, ist also auch eine Entscheidung des Wiederaufbaus.

Die gegenüberliegende Pfarrkirche St. Anna, 1887–92 nach Plänen Gabriel von Seidls erbaut, gehört bereits dem gewachsenen, großbürgerlichen Lehel. Ihre Notwendigkeit erklärt sich aus dem Erfolg der Stadterweiterung: Die alte Klosterkirche reichte für die Bevölkerung nicht mehr aus. Zwischen beiden Kirchen liegt somit eine Stadtgeschichte in konzentrierter Form. Die eine erzählt von einer armen, vorstädtischen Gemeinde; die andere von einem Quartier, das seinen sozialen und baulichen Rang gesteigert hatte.

Maximilianstraße und Isar: der Staat im Blickfeld

Zurück am Maxmonument sollte man der Maximilianstraße wenigstens ein Stück folgen. Ihre Architektur erklärt, warum die Thierschstraße an dieser Stelle so bewusst komponiert ist. Die großen Verwaltungs- und Kulturbauten des Forums sind im sogenannten Maximilianstil angelegt, einer historistischen Sprache, die gotische und renaissancezeitliche Motive zu einem monarchisch-bildungsbürgerlichen Staatsbild verbindet. Die Regierungsfront und der Bau des ehemaligen Nationalmuseums waren keine Nachbarschaft, sondern Programm.

Die Maximiliansbrücke führt schließlich zur Isar und zum Maximilianeum. Sie gehört als Sichtziel zu diesem System, auch wenn der Spaziergang auf der Thierschstraße bleibt. Das Lehel ist immer beides: Hofquartier und Flussrand, dichtes Mietshausviertel und Durchgangsraum einer großen staatlichen Geste. Gerade seine Widersprüche machen den Reiz aus.

Nachleben: Krieg, Pflege, Gegenwart

Der Zweite Weltkrieg hat München verändert, das Lehel eingeschlossen. Manche Bauten blieben vergleichsweise gut erhalten, andere wurden beschädigt, vereinfacht oder in späteren Jahrzehnten umgebaut. Deshalb ist es irreführend, den heutigen Zustand als ungebrochene Gründerzeit zu betrachten. Die Straße ist ein Bestand aus Originalsubstanz, Wiederherstellung, Ergänzung und Nutzungsschichten.

Das ist kein Mangel. Im Gegenteil: Die Qualität des Lehels besteht gerade darin, dass seine Geschichte nicht hinter Glas konserviert wurde. Ein historisches Haus muss Fenster haben, die funktionieren, Dächer, die dicht sind, Erdgeschosse, die genutzt werden. Jede Sanierung stellt die Frage neu, wie viel Material, Detail, Farbe und Maßstab erhalten werden kann. Die Rettung der Fassaden von Nr. 36 zeigt einen anspruchsvollen Weg: nicht glätten, nicht schematisch erneuern, sondern Befunde lesen und handwerklich übersetzen.

Gleichzeitig steht das Viertel unter einem ökonomischen Druck, den die Gründerzeit selbst vorbereitet hat: zentrale Lage, historische Substanz, Isarnähe, seltene Geschlossenheit. Wo Häuser ursprünglich als rentable Mietobjekte gebaut wurden, ist der Wert heute wieder ein entscheidendes Thema. Das Lehel war nie außerhalb der Ökonomie. Neu ist nur die Höhe der Preise und die internationale Lesbarkeit der Adresse.

Ein Spaziergang durch die Thierschstraße sollte daher weder in Nostalgie noch in Verdacht enden. Die Häuser sind schön, weil sie sorgfältig gebaut und vielfach sorgfältig erhalten wurden. Sie sind zugleich Zeugnisse von Bodenspekulation, sozialem Aufstieg, staatlicher Repräsentation und politischer Gewalt. Die Straße hält all dies aus, ohne es aufzulösen. Darin liegt ihre besondere Münchner Wahrheit: Sie zeigt eine Stadt, die ihre Häute wechselt, aber die Nähte nicht ganz verbergen kann.

Praktische Lesart des Spaziergangs

Für den Weg vom Isartor zum Thierschplatz genügen, ohne Abstecher, etwa 35 bis 45 Minuten. Mit Mariannenplatz, St. Lukas, dem Forum der Maximilianstraße und St. Anna wird daraus ein Rundgang von ungefähr anderthalb Stunden. Die beste Reihenfolge ist nicht die schnellste, sondern diejenige der Blickachsen:

  1. Isartorplatz – Thierschstraße 1–14: Übergang aus der älteren Vorstadt.
  2. Nr. 17–29 und Mariannenplatz: Mietshausarchitektur, Frauenbewegung, St. Lukas.
  3. Nr. 31–37 – Maxmonument: die gerade Straßenwand und das städtebauliche Scharnier.
  4. Wilhelmsgymnasium – Nr. 41 – Nr. 47–55: Bildung, Gewaltgeschichte, institutionelle Bauten, Platzschluss.
  5. Thierschplatz – St.-Anna-Platz: der leise Abschluss und die ältere Schicht des Lehels.

Wer nur auf Stilnamen achtet, verpasst die Straße. Besser ist es, immer wieder drei Fragen mitzunehmen: Was macht dieses Haus mit dem Raum? Welche Nutzung wurde ihm zugedacht? Welche Geschichte sieht man nicht?

Quellen und weiterführende Literatur

Hinweise zur Zitierweise

Die verlinkten Onlinequellen wurden am 9. September 2026 geprüft. Bauzeiten, Architekten und Stilbezeichnungen in diesem Band folgen vorrangig der aktuellen Denkmalliste. Die Deutungen des Stadtraums und die feuilletonistische Beschreibung sind textliche Einordnungen auf Grundlage dieser Befunde.

Footnotes

  1. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalliste München, Stand 9. September 2026, Ensemble E-1-62-000-26 „Platzfolge Lehel“ sowie Einzeldenkmäler. https://geodaten.bayern.de/denkmal_static_data/externe_denkmalliste/pdf/denkmalliste_merge_162000.pdf.

  2. Landeshauptstadt München, „Stadtbezirke und ihre Geschichte“, Abschnitt Lehel; zur Namensgeschichte und zu den wasserabhängigen Gewerken. https://stadt.muenchen.de/infos/stadtbezirke-geschichte.html. Vgl. auch Erzdiözese München und Freising, „Die Geschichte des Lehels“ (2025).

  3. Landeshauptstadt München, Historisches Grün in München, Abschnitt „Thierschplatz“, 2020, S. 127; zur Auflassung des Triftkanals, den Pflanzungen von 1903 und dem Ceresbrunnen von 1905. PDF.

  4. Ebd., Ensemble „Platzfolge Lehel“, zur Überlagerung des alten Wegenetzes durch die Maximilianstraße und zur Festlegung der Thierschstraße ab ca. 1875.

  5. Stadtgeschichte München, „Thierschstraße“, historische Straßenbeschreibung nach Rambaldi (1894), zur Benennung 1877 und Einbeziehung der Fabrikstraße 1890.

  6. Stadtgeschichte München, „Thierschstraße“, biographische Angaben zu Friedrich Wilhelm von Thiersch; zur Familienzuordnung vgl. die dort angegebene Biographie.

  7. Landeshauptstadt München, Fassadenpreis 2017, S. 14–15, „Thierschstraße 36“. PDF.

  8. Stadtgeschichte München, „Thierschstraße“, Baudenkmäler und historische Straßenbeschreibung nach Rambaldi (1894), abgerufen am 9. September 2026. https://stadtgeschichte-muenchen.de/strassen/d_strasse.php?id=5246. Die Einzelangaben wurden gegen die bayerische Denkmalliste abgeglichen.

  9. Stadtgeschichte München, „Thierschstraße“, Eintrag „Simon Walser’s Mühle“ sowie Baudenkmal Thierschstraße 11.

  10. Bundesarchiv, Bestandsinformationen zum Franz-Eher-Verlag; zur Rolle als NSDAP-Parteiverlag vgl. außerdem die Forschungsliteratur zur nationalsozialistischen Pressegeschichte. Die Adressbindung Thierschstraße 11 ist im Münchner Straßenlexikon dokumentiert.

  11. Stadtgeschichte München, „Lion Feuchtwanger“, Wohnorte und Schulzeit im Lehel; abgerufen am 9. September 2026. https://stadtgeschichte-muenchen.de/.

  12. Verein für Fraueninteressen, „Thierschstraße 17“, zur Nutzung 2004–2020; sowie „Geschichte des Vereins für Fraueninteressen e. V. München“, zur Gründung 1894. https://www.fraueninteressen.de/stadtrundgang/thierschstrasse und https://geschichte.fraueninteressen.de/.

  13. Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern / St. Lukas München, Angaben zur Baugeschichte; vgl. ferner Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Ensemble „Platzfolge Lehel“, zur städtebaulichen Bedeutung des Kirchenbaus.

  14. Stadtgeschichte München, „Thierschstraße“, Baudenkmäler und historische Straßenbeschreibung nach Rambaldi (1894), abgerufen am 9. September 2026. https://stadtgeschichte-muenchen.de/strassen/d_strasse.php?id=5246. Die Einzelangaben wurden gegen die bayerische Denkmalliste abgeglichen.

  15. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Ensemble „Platzfolge Lehel“; zur Aufstellung 1875 und zum Bildhauer Caspar von Zumbusch. Vgl. auch die Denkmaldokumentation der Stadt München.

  16. Stadtgeschichte München, „Wilhelmsgymnasium“, sowie Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Einzeldenkmal Thierschstraße 46.

  17. Paul Hoser, „Thierschstraße 41. Der Untermieter Hitler, sein jüdischer Hausherr und ein Restitutionsproblem“, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), Heft 2, S. 131–161. PDF des Instituts für Zeitgeschichte. Zur Wohnzeit 1920–1929 vgl. Stadtgeschichte München, „Adolf Hitler – Thierschstraße 41“.

  18. Stadtgeschichte München, „Maximilian Schmidt – Thierschstraße 47“, historisches Adressbuch. https://stadtgeschichte-muenchen.de/geschichte/adressbuch/d_adressbuch.php?id=281.

  19. Landeshauptstadt München, Historisches Grün in München, Abschnitt „Thierschplatz“, 2020, S. 127; zur Auflassung des Triftkanals, den Pflanzungen von 1903 und dem Ceresbrunnen von 1905. PDF.

  20. Erzdiözese München und Freising, „Die Klosterkirche St. Anna im Lehel“, zur Baugeschichte, Ausstattung, Zerstörung und Wiederaufbau. https://www2.erzbistum-muenchen.de/pfarrei/st-anna-muenchen/cont/64346.

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