Michaelikirche · München · Sakralbauten, Bayerische Geschichte, Architektur entdecken

Michael gegen den Drachen — ein Entdeckerspaziergang durch St. Michael

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Michael gegen den Drachen

Ein Spaziergang für Entdeckerinnen und Entdecker ab 12 Jahren

Start: vor der großen Fassade in der Neuhauser Straße · Dauer: etwa 20 Minuten


1. Ein riesiges Gesicht mitten in der Einkaufsstraße

Stell dich vor die Michaelskirche und schau nach oben.

Neben dir laufen Menschen zum Marienplatz oder zum Stachus. Viele tragen Einkaufstaschen, manche hören Musik, andere schauen aufs Handy. Und mitten in diesem Trubel steht plötzlich eine riesige weiße Kirchenfront.

Diese Front nennt man Fassade. Sie ist wie das Gesicht eines Gebäudes. St. Michael wurde so gebaut, dass man sie von der Straße aus gut sehen kann. Das war damals etwas Besonderes: Die Gassen Münchens waren eng, und bei vielen Kirchen konnte man die Vorderseite kaum aus der Entfernung bewundern.

Schau genau hin: Ganz oben glänzt ein Kreuz. Darunter stehen viele Figuren. Es lohnt sich, erst einmal nur zu zählen, wie viele du entdecken kannst.


2. Eine Steinwand erzählt eine Geschichte

Die Figuren an der Fassade sind nicht zufällig dort. Sie erzählen eine Geschichte über Bayern.

Oben steht Christus. Weiter unten folgen bayerische Herrscher. Sie sollten zeigen: Bayern ist ein christliches Land, und seine Fürsten haben diesen Glauben beschützt. Das klingt heute vielleicht sehr feierlich. Vor etwa 430 Jahren war es aber eine wichtige politische Botschaft.

Der Herzog Wilhelm V. ließ die Kirche bauen. Auch er ist an der Fassade zu sehen. Er hält sogar ein kleines Modell der Kirche in der Hand. Das ist ein bisschen so, als würde ein Architekt auf einem Schulplakat neben seinem eigenen Gebäude stehen.

Besonderheit: Es gibt fünfzehn Herrscherfiguren. Die Fassade ist deshalb wie ein riesiges Geschichtsbuch aus Stein.


3. Michael gegen den Drachen

Zwischen den beiden Eingängen steht die wichtigste Figur der Fassade: der Erzengel Michael.

Michael ist in vielen Geschichten der Bibel ein Kämpfer gegen das Böse. Hier besiegt er einen Dämon, der zu seinen Füßen liegt. Er trägt Rüstung und sieht aus, als wäre er gerade mitten in einer großen Schlacht.

Der Erzengel wurde aus Bronze gegossen. Darum sieht er anders aus als die hellen Steinfiguren um ihn herum. Bronze ist ein Metall, das sehr haltbar ist und mit der Zeit dunkler werden kann.

Herzog Wilhelm V. mochte Michael besonders gern, denn er war am Michaelstag geboren: am 29. September.

Schau genau hin: Suche den Unterschied zwischen Bronze und Stein. Welche Figur wirkt für dich lebendiger oder stärker?


4. Warum wurde diese Kirche gebaut?

Vor vielen hundert Jahren stritten Christen in Europa darüber, wie Kirche und Glaube aussehen sollten. Manche Regionen wurden protestantisch, Bayern blieb katholisch.

Wilhelm V. holte die Jesuiten nach München. Die Jesuiten waren Priester und Lehrer. Sie wollten, dass Kinder und Erwachsene viel lernen: über Glauben, Sprache, Geschichte und das Leben.

Die Michaelskirche sollte zeigen, dass Bayern katholisch bleiben wollte. Sie war aber auch Teil einer Schule und eines großen Bildungszentrums. Nebenan steht die Alte Akademie. Früher gehörte sie zum Jesuitenkolleg.

Besonderheit: Kirche und Schule gehörten zusammen. Hier ging es nicht nur ums Beten, sondern auch ums Lernen und Erklären.


5. Der Turm, der einstürzte

Beim Bau passierte etwas Dramatisches.

Am 10. Mai 1590 stürzte der damals gebaute Kirchturm ein. Dabei wurde auch der Chorraum beschädigt. Das muss ein riesiger Schreck gewesen sein.

Viele Menschen hätten vielleicht gesagt: „Jetzt bauen wir kleiner weiter.” Herzog Wilhelm V. entschied sich anders. Er ließ die Kirche sogar großzügiger neu planen. Der große Hauptturm wurde allerdings nicht wieder aufgebaut.

Besonderheit: Wenn du die Kirche von außen anschaust, merkst du: Sie hat keinen Turm, der mitten über dem Gebäude aufragt. Das erinnert bis heute an die alte Baupanne.


6. Drinnen: ein Raum wie eine riesige Halle

Jetzt gehen wir hinein.

Das Gefühl verändert sich sofort. Draußen war es laut und eng. Drinnen ist es hoch, hell und ruhig. Die Kirche ist ungefähr 80 Meter lang. Das ist fast so lang wie ein Fußballfeld.

Über dir liegt ein riesiges Gewölbe. Ein Gewölbe ist eine gebogene Decke aus Stein oder Ziegeln. In St. Michael ist es etwa 20 Meter breit und kommt fast ohne Säulen mitten im Raum aus.

Das war damals sehr modern. Die Menschen sollten den Prediger gut hören und den Altar gut sehen können. Deshalb versperren keine dicken Säulen die Sicht.

Schau genau hin: Stell dich in die Mitte und schaue langsam von links nach rechts. Wie weit kannst du sehen? Dann schau nach oben. Wirkt die Decke eher schwer oder eher leicht?


7. Eine Kirche erzählt einen Weg

St. Michael ist so gebaut, dass man beim Gehen eine Geschichte erlebt.

Unter der Orgelempore am Eingang gibt es eine Darstellung von Jesus als Kind und als Herrscher der Welt. Weiter vorne steht das große Kreuz. Ganz am Ende, oben auf dem Hochaltar, erscheint Christus als der, der am Ende der Zeit wiederkommt.

So geht es in der Kirche um einen Weg: Geburt, Leben, Leiden, Tod und Hoffnung auf neues Leben. Auch die Engel in den Nischen passen dazu. Sie tragen Dinge, die an die Leidensgeschichte Jesu erinnern.

Besonderheit: Die Kunstwerke stehen nicht einfach zufällig herum. Sie sind wie Stationen in einer großen Geschichte, die man beim Durchgehen lesen kann.


8. Das große Kreuz aus Bronze

Bleib vor dem Chor stehen. Dort hängt ein großes Kruzifix, also eine Darstellung von Jesus am Kreuz.

Es wurde von Giambologna geschaffen, einem berühmten Künstler aus der Renaissance. Seine Figuren wirken sehr echt, aber auch schön und ruhig. Obwohl Jesus am Kreuz leidet, ist sein Körper nicht nur als verletzt dargestellt. Der Künstler wollte zeigen: Das Leiden ist wichtig, aber es gibt auch Hoffnung.

Unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Sie schaut zu Jesus hinauf. Ihre Figur schuf Hans Reichle, ein Schüler von Giambologna.

Das Kreuz stand schon früher in der Mitte der Kirche. Dann wurde es für fast 200 Jahre an eine andere Stelle gebracht. Seit 2016 steht es wieder dort, wo es ursprünglich gedacht war.

Schau genau hin: Maria Magdalena ist viel kleiner als das Kreuz. Trotzdem merkt man an ihrer Haltung sofort, dass sie traurig ist. Wie zeigt eine Statue Gefühle, obwohl sie nicht sprechen kann?


9. Kleine Räume für große Geschichten

An den Seiten der Kirche liegen kleine Kapellen. Jede Kapelle hat ihren eigenen Altar und erzählt von anderen Heiligen.

Ein Altar ist ein besonderer Tisch für Gottesdienste. Über vielen Altären hängen Gemälde. Sie zeigen Menschen, die in der christlichen Geschichte wichtig sind: Apostel, Märtyrer, Missionare oder Heilige.

Ein Beispiel ist der Sebastiansaltar. Sebastian war nach einer alten Geschichte ein römischer Soldat. Er wurde getötet, weil er zu seinem Glauben stand. Auf dem Bild sieht man ihn als Märtyrer, also als jemanden, der für seine Überzeugung gestorben ist.

Besonderheit: Es gibt auf jeder Seite drei Seitenkapellen. Die große Kirche hat also auch viele kleine „Zimmer”, in denen man jeweils etwas anderes entdecken kann.


10. Ein Schatz in Form einer Mini-Kirche

In einer Seitenkapelle steht ein ganz besonderer Schatz: der Schrein von Kosmas und Damian.

Ein Schrein ist ein kostbares Behältnis für Reliquien. Reliquien sind Dinge, die mit Heiligen verbunden sind, zum Beispiel alte Knochen oder Gegenstände. Der Schrein von St. Michael sieht selbst aus wie eine winzige Kirche mit Dach.

Er wurde um 1420 in Bremen gebaut, also lange vor der Michaelskirche. Er besteht aus geschnitztem Eichenholz. Darauf sind vergoldete Silberbleche, Bergkristalle und kleine blaue Emailstücke. 1649 kam der Schrein nach München.

Im Inneren liegen Reliquien von Kosmas und Damian. Die beiden gelten als Schutzpatrone von Kranken und Menschen in medizinischen Berufen. Der Überlieferung nach behandelten sie Kranke, ohne Geld dafür zu verlangen.

Besonderheit: Der Schrein ist mehr als 600 Jahre alt und wird noch heute für Gottesdienste mit Kranken geöffnet.


11. Der Hochaltar — ein riesiges Himmelstor

Nun schauen wir auf den Hochaltar.

Er ist viel höher als ein normaler Tisch. Er besteht aus mehreren Etagen, Säulen, Figuren und Bildern. In der Mitte kämpft Michael gegen den Drachen. Darüber erscheint Christus.

Der Altar soll wie ein Tor zum Himmel aussehen. Michael passt gut dazu, denn er ist hier der Wächter: Er lässt das Böse nicht hinein.

Oben leuchtet ein Zeichen mit den Buchstaben IHS. Das sind die ersten Buchstaben des Namens Jesus auf Griechisch. Später wurde IHS auch zu einem wichtigen Zeichen der Jesuiten.

Schau genau hin: Vergleiche Michael am Eingang mit Michael auf dem Hochaltar. Draußen sieht er aus wie ein Kämpfer für die Stadt. Drinnen ist er der Wächter vor dem Himmelstor.


12. Die Kreuzkapelle — ein stiller Ort

Die Kreuzkapelle ist kleiner und ruhiger als das Hauptschiff.

Früher bewahrte sie ein kleines Holzstückchen auf, das vom Kreuz Jesu stammen sollte. Deshalb war sie für viele Menschen der heiligste Raum der Kirche.

Hier findet man Jesus als Schmerzensmann und Maria als schmerzensreiche Mutter. In den Nischen stehen außerdem die heilige Katharina und die heilige Barbara. Das Altarbild malte Hans von Aachen.

Besonderheit: Draußen an der Fassade siegt Michael über das Böse. In der Kreuzkapelle geht es nicht um Sieg, sondern um Trauer, Mut und Trost. Das macht die Kirche viel spannender: Sie zeigt nicht nur eine Seite des Lebens.


13. Die Kanzel — ein Ort zum Reden

Schau zum großen Pfeiler auf der linken Seite. Dort ist die Kanzel.

Von einer Kanzel aus hält ein Priester oder eine Priesterin eine Predigt. Heute gehört das in vielen Kirchen dazu. Als St. Michael 1597 gebaut wurde, war ihre feste Kanzel in München aber etwas Neues.

Die Jesuiten wollten, dass die Menschen die Predigt gut hören und verstehen. Deshalb war Sprache für sie sehr wichtig. Später, in den 1920er- und 1930er-Jahren, predigte von dieser Kanzel Pater Rupert Mayer gegen den Nationalsozialismus. Das war mutig und gefährlich.

Besonderheit: Eine Kanzel kann also nicht nur ein schönes Möbelstück sein. Sie kann ein Ort sein, von dem aus Menschen anderen Mut machen oder gegen Unrecht sprechen.


14. Die Orgel und die Musik

Dreh dich wieder Richtung Eingang. Über dem Portal siehst du die Orgelempore.

Hier stehen die Orgel, Sängerinnen und Sänger sowie manchmal Instrumente. Schon beim Bau der Kirche war geplant, dass Musik von dieser Empore aus erklingt. Das war damals neu, denn früher standen Sänger oft direkt beim Altar.

Die heutige Orgel ist nicht die erste. Eine ältere Orgel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die heutige Orgel wurde 2011 eingeweiht, aber ihr schöner alter Rahmen, der Prospekt, stammt noch aus dem 17. Jahrhundert.

Schau genau hin: Eine Orgel ist wie ein riesiger Musikkasten. Die Pfeifen sind unterschiedlich groß. Große Pfeifen machen meist tiefere Töne, kleine Pfeifen höhere.


15. Unter der Kirche: Könige und Herzöge

Unter dem Chor liegt die Fürstengruft. Das ist ein Raum mit Gräbern von Mitgliedern der Wittelsbacher, der bayerischen Herrscherfamilie.

Der bekannteste König dort ist Ludwig II. Vielleicht kennst du ihn als den König, der Schloss Neuschwanstein bauen ließ. Sein Sarg steht in St. Michael. Sein Herz aber liegt nach alter bayerischer Tradition an einem anderen Ort: in Altötting.

Besonderheit: Das klingt ein bisschen wie eine Schatzsuche in zwei Städten. Ludwig II. wird an zwei Orten erinnert: mit seinem Körper in München und mit seinem Herzen in Altötting.


16. Bomben und Wiederaufbau

Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Michael schwer beschädigt. Am 22. November 1944 fielen Bomben auf die Kirche. Das Dach und das große Gewölbe wurden zerstört. Auch der Hochaltar wurde schwer beschädigt.

Nach dem Krieg bauten die Menschen die Kirche wieder auf. 1953 konnte sie neu geweiht werden. Das bedeutet: Sie wurde wieder als Kirche für Gottesdienste eröffnet.

Besonderheit: Wenn du heute in den hohen Raum schaust, siehst du eine Kirche, die einmal fast zerstört war. Der Wiederaufbau zeigt, wie viel Arbeit und Geduld nötig sind, um Kunst und Architektur zu bewahren.


17. Nebenan: die Alte Akademie

Wenn wir wieder hinausgehen, sehen wir neben der Kirche die Alte Akademie. Früher war das das Jesuitenkolleg. Dort wurde gelernt und unterrichtet.

Kirche und Schule waren also Nachbarn. Das passt zu den Jesuiten: Sie wollten, dass Menschen denken, Fragen stellen und lernen. Später wurde das Gebäude für andere wissenschaftliche Einrichtungen genutzt.

Besonderheit: Die Kirche ist nicht nur ein Ort für alte Kunst. Sie erinnert auch daran, dass Bildung, Schule und Wissen schon vor Jahrhunderten mitten in München wichtig waren.


18. Der Bürgersaal — ein Gebäude mit zwei Kirchen übereinander

Gehen wir Richtung Karlsplatz weiter. Nach wenigen Minuten kommt der Bürgersaal.

Von außen sieht er aus wie ein Haus in der Häuserreihe. Innen gibt es aber zwei übereinanderliegende Kirchenräume: oben eine große barocke Kirche, unten eine Unterkirche mit dem Grab von Pater Rupert Mayer.

Der Bürgersaal wurde für eine Gemeinschaft von Münchner Bürgern gebaut. Deshalb ist er ein guter Gegensatz zur Michaelskirche, die der Herzog und die Jesuiten bauen ließen.

Besonderheit: Zwei Kirchen übereinander sind selten. Der Bürgersaal ist deshalb wie ein Gebäude mit einem geheimen zweiten Stockwerk für Gebet und Erinnerung.


19. Zum Schluss: Was bleibt von St. Michael?

St. Michael ist keine Kirche, die ihre Geschichten versteckt. Sie zeigt sie überall: an der Fassade, am Kreuz, in den Kapellen, im Schrein, auf dem Hochaltar und sogar unter dem Fußboden in der Gruft.

Vielleicht ist das Wichtigste an diesem Spaziergang: Kunstwerke in einer Kirche sind nicht nur alte Sachen. Sie erzählen von Menschen, von Streit und Mut, von Krankheit und Heilung, von Trauer und Hoffnung.

Wenn du die Kirche verlässt und wieder in die laute Neuhauser Straße trittst, schau noch einmal zu Michael aus Bronze hinauf. Er steht dort seit mehr als 400 Jahren – mitten in einer Stadt, die sich um ihn herum ständig verändert.


Quellenhinweise

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