Michaelikirche · München · Sakralbauten, Gegenreformation, Zeitgeschichte

Eine Kirche, die ihre Absicht nicht versteckt

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1. Vor der Fassade – eine Kirche tritt an die Straße

Beginnen wir in der Neuhauser Straße, mitten in Münchens Fußgängerzone. Zwischen Karlsplatz und Marienplatz schiebt sich die Stadt in einem beinahe ununterbrochenen Strom voran: Menschen mit Einkaufstaschen, Straßenmusik, Lieferverkehr am Morgen, Touristen mit hochgereckten Handys. Und plötzlich steht da St. Michael.

Nicht zurückgesetzt auf einem stillen Kirchplatz. Nicht verborgen hinter einem Friedhof. Sondern direkt an der Straße, mit einer Fassade, die weniger wie eine Hauswand als wie eine öffentliche Ansage wirkt.

Im mittelalterlichen München waren die Straßen zu eng, um Kirchenfassaden aus der Distanz wahrzunehmen. St. Michael erhielt daher als erste Münchner Kirche eine große Schauwand zur Stadt. Sie ist das Gesicht der gesamten ehemaligen Jesuitenanlage. Wer hier vorbeikommt, soll nicht nur erkennen, dass er vor einem Gotteshaus steht. Er soll verstehen, wofür dieses Haus gebaut wurde.

Besonderheit: Die Kirche ist nicht nach Osten ausgerichtet, wie es bei älteren Kirchen üblich war. Ihre Lage und ihre Fassade wurden bewusst an die vorhandene Stadtstruktur angepasst. St. Michael ist deshalb nicht nur ein Bauwerk in München, sondern eine Architektur für die Straße.

2. Die Fassadenfiguren – Bayern als steinerne Glaubensgeschichte

Schauen wir jetzt von oben nach unten.

Ganz oben steht unter dem vergoldeten Kreuz Christus. Darunter folgen Figuren aus der bayerischen Überlieferung: Herrscher, die den christlichen Glauben im Land begründet oder verteidigt haben sollen. Fünfzehn Standbilder bilden eine politische Genealogie. Sie erzählen, dass Bayern nicht bloß ein Territorium sei, sondern eine geschichtlich gewachsene, katholisch geprägte Ordnung.

Das ist die Gegenreformation in Stein. Herzog Wilhelm V. wollte nicht lediglich eine schöne Kirche bauen. Er wollte ein Programm sichtbar machen: Christus über der Stadt, der Erzengel Michael als Kämpfer, darunter die Herrscher als Garanten eines katholischen Bayern.

Unter den Figuren erscheint auch Wilhelm V. selbst, mit einem Modell der Kirche. Der Bauherr tritt also in seinem eigenen Monument auf – nicht als Privatperson, sondern als Stifter und politischer Akteur.

Besonderheit: Die Fassade funktioniert wie ein Bilderbuch für Passanten. Noch bevor man das Portal erreicht, hat man bereits eine Theologie und eine Staatsidee gelesen: oben Christus, in der Mitte Michael, darunter die Dynastie.

3. Der Erzengel Michael – ein Bronzebild des Kampfes

Gehen wir zur Mitte zwischen den beiden Portalen.

Hier steht der Erzengel Michael. Er besiegt den Dämon zu seinen Füßen; Schwert, Rüstung und der entschlossene Schritt machen ihn zur dramatischsten Figur der Fassade. Michael ist der Kämpfer des Lichtes gegen die Finsternis, die himmlische Antwort auf die Frage seines Namens: Wer ist wie Gott?

Für Wilhelm V. war der Heilige zugleich persönlich wichtig. Der Herzog war am 29. September geboren worden, dem Michaelstag. Sein privater Namenspatron wurde zum Schutzpatron eines politischen Projekts.

Die Figur schuf Hubert Gerhard. Sie gehört zu den ersten bedeutenden Bronzeplastiken, die in München gegossen wurden. Im Zweiten Weltkrieg mauerte man sie zum Schutz ein – eine beinahe absurde, aber eindrückliche Wendung: Der Engel, der an der Fassade den Drachen niederwirft, musste selbst vor Bomben und Zerstörung bewahrt werden.

Besonderheit: Achten Sie auf das Material. Zwischen all den hellen Steinfiguren steht Michael in Bronze. Er wirkt dadurch nicht bloß andersfarbig, sondern gegenwärtiger, körperlicher und kämpferischer.

4. Jesuiten, Bildung und Gegenreformation

Bevor wir eintreten, ein Schritt zurück in die Geschichte.

1556 holte Herzog Albrecht V. die Jesuiten nach München. Sein Sohn Wilhelm V. ließ ihnen ein Kolleg und ab 1583 eine neue Kirche errichten. Die Jesuiten waren Lehrer, Prediger, Beichtväter und Organisatoren der katholischen Erneuerung. Sie wollten Glauben nicht einfach bewahren, sondern ihn durch Bildung, Rhetorik, Seelsorge und Kunst überzeugend machen.

Ihr Vorbild war Il Gesù in Rom, die Mutterkirche des Ordens. St. Michael wurde jedoch nicht zu einer bayerischen Kopie Roms. Sie wuchs zu einem eigenständigen und monumentalen Bau, der den Kirchenbau in Süddeutschland für mehr als zwei Jahrhunderte prägen sollte.

Besonderheit: Kirche und Kolleg bildeten ursprünglich ein Ensemble, das ungefähr ein Fünftel der damaligen Stadtfläche einnahm. Die Alte Akademie nebenan war nicht bloß ein Nachbargebäude, sondern die Bildungsseite derselben religiösen und politischen Idee.

5. Der Turmeinsturz – Scheitern als Auslöser für Größe

Schauen wir noch einmal hinauf, bevor wir durch das Portal gehen.

Am 10. Mai 1590 stürzte der damals errichtete Turm ein und zerstörte den Chor. Für Wilhelm V. hätte das ein Anlass sein können, das Projekt zu verkleinern. Er entschied sich für das Gegenteil: Chor und Querhaus wurden großzügiger neu konzipiert. Der ursprünglich geplante Turm wurde nicht in seiner dominanten Form wiedererrichtet; ein späterer, seitlicher Turm gehört zum Gesamtkomplex von Kirche und Kolleg.

Die Weihe erfolgte am 6. Juli 1597. Der Einsturz war damit nicht das Ende der Kirche, sondern ein Wendepunkt ihrer Gestalt.

Besonderheit: St. Michael besitzt keinen dominanten Hauptturm über der Kirche. Diese ungewöhnliche Silhouette ist die sichtbare Erinnerung an die Baukatastrophe von 1590.

6. Der Eintritt – der Raum ohne Säulenwald

Gehen wir jetzt durch eines der Portale hinein.

Die Veränderung ist radikal. Draußen: Gedränge, Schaufenster, Straße. Drinnen: ein hoher, weiter, heller Raum. Das Hauptschiff ist etwa 80 Meter lang und 28 Meter hoch. Über ihm spannt sich ein Tonnengewölbe von ungefähr 20 Metern Breite.

Keine Pfeilerreihe zerlegt den Blick. Der Raum wird nicht wie eine gotische Kirche von vielen Stützen rhythmisiert, sondern bildet eine große, übergreifende Schale. Seitlich liegen die Kapellen zwischen mächtigen Wandpfeilern; oben fällt Licht aus den Emporenfenstern ein.

Diese Architektur ist jesuitisch: Die Predigt soll hörbar, der Altar sichtbar, die Gemeinde als Gemeinschaft erfahrbar werden. Der Raum sammelt die Aufmerksamkeit nach vorn.

Besonderheit: Das Gewölbe besteht aus Backstein. Seine Spannweite galt zur Bauzeit als außergewöhnlich; die große, säulenlose Halle wurde zu einem Modell für zahlreiche süddeutsche Kirchen.

7. Der Lebensweg Jesu – eine Achse durch die ganze Kirche

Bleiben wir kurz in der Mitte des Schiffs stehen und schauen zugleich zurück und nach vorne.

St. Michael besitzt eine ungewöhnlich klare Bildachse. Unter der Orgelempore am Eingang erscheint Christus als Kind und Weltenherr. Vor dem Chor steht das Kreuz. Auf der Spitze des Hochaltars erscheint Christus als der Wiederkommende und Richtende.

Die ganze Kirche erzählt so nicht nur eine Sammlung einzelner Heiliger oder Kunstwerke. Sie erzählt eine Bewegung: Geburt, Leiden, Tod, Auferstehung und Vollendung. Selbst die Engel in den Nischen des Hauptschiffs gehören in diesen Zusammenhang. Sie tragen die Leidenswerkzeuge Christi und begleiten den Weg zum Kreuz.

Besonderheit: In St. Michael ist die Architektur kein neutraler Behälter für Kunst. Das Gebäude selbst ist ein theologischer Weg. Wer geradeaus geht, durchschreitet eine räumliche Erzählung.

8. Das Giambologna-Kruzifix – Schönheit im Leiden

Gehen wir nun zum Kreuz vor dem Chor.

Das bronzene Kruzifix stammt von Giambologna, dem flämisch-italienischen Bildhauer Jean de Boulogne, einem der großen Meister der europäischen Spätrenaissance. Der Gekreuzigte ist nicht naturalistisch als zerbrochener Körper dargestellt. Hände und Füße sind verwundet und angenagelt, der Leib jedoch bleibt schön, geschlossen und beinahe ideal.

Das ist keine Verharmlosung des Leidens. Es ist eine theologische Kunstidee der Renaissance: In Christus, der wirklich leidet, soll bereits die Verwandlung sichtbar werden. Der Gekreuzigte verweist voraus auf die Auferstehung.

Unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Ihre Figur schuf Hans Reichle, ein Schüler Giambolognas. Ihr Blick sucht das Gesicht Christi; sie steht für die gläubige Seele, die Nähe, Trost und Erlösung sucht.

Das Kreuz stand seit 1597 in der Mitte der Kirche, wurde 1819 ins Querschiff versetzt und kehrte 2016 an seinen zentralen Ort zurück.

Besonderheit: Wer das Kreuz nur als Andachtsbild betrachtet, übersieht seine räumliche Funktion. Es ist der Drehpunkt der gesamten Kirche: zwischen Eingang und Altar, Leben und Gericht, Gemeinde und Chor.

9. Die Seitenkapellen – sechs kleine Bilderräume

Wenden wir uns nun den Seiten zu.

Zwischen den Wandpfeilern liegen auf jeder Seite drei Kapellen. Sie machen aus der großen Halle eine Folge kleinerer Bildräume. Fast jedes dieser Zimmer besitzt einen eigenen Altar, eine eigene Heiligenwelt, eine eigene Form des Gebets.

Im Sebastiansaltar etwa begegnen wir einem frühchristlichen Märtyrer. Das Bild des heiligen Sebastian schuf Alessandro Scalzi 1588/89 nach einem Entwurf von Hans von Aachen. Sebastian, vom Pfeilhagel getroffen, wurde in der frühen Neuzeit nicht nur als Märtyrer, sondern auch als Fürsprecher gegen Seuchen angerufen.

Andere Altäre beziehen sich auf Petrus und Paulus, Franz Xaver, Ignatius von Loyola, Andreas oder Ursula. Zusammen bilden sie eine Gemeinschaft aus Aposteln, Ordensgründern, Märtyrern und Glaubenszeugen.

Besonderheit: Die Seitenaltäre sind keine spätere Dekoration, die man nebenbei streift. Sie sind die intime Seite der großen Jesuitenkirche: Orte für einzelne Heilige, bestimmte Bitten und persönliche Andacht.

10. Der Kosmas-und-Damian-Schrein – ein kleines Haus für Reliquien

Gehen wir in die vordere östliche Seitenkapelle.

Hier steht eines der kostbarsten Objekte von St. Michael: der Schrein der heiligen Kosmas und Damian. Er hat die Form einer kleinen Kirche mit Satteldach. Um 1420 wurde er in Bremen aus Eichenholz gefertigt, mit vergoldeten Silberblechen verkleidet und mit Bergkristallen sowie blau schimmernden Emailplättchen ausgestattet.

1649 kam er durch Vermittlung Kurfürst Maximilians I. nach München. Öffnet man den Schrein, erscheinen auf den Innenseiten der Flügel Bilder aus dem Leben der beiden Heiligen. Im seidengefütterten Inneren ruhen auf perlenbestickten Kissen die Schädelreliquien von Kosmas und Damian.

Die beiden Brüder gelten als Schutzpatrone der Kranken und der medizinischen Berufe. Der Überlieferung nach heilten sie Menschen und Tiere, ohne Honorar zu verlangen.

Besonderheit: Dieser Schrein ist nicht nur ein kunsthistorisches Objekt. Er wird bis heute religiös genutzt: Bei Krankengottesdiensten wird er geöffnet, und Kranke sowie Angehörige erhalten einen persönlichen Segen.

11. Der Hochaltar – das Tor zum Himmel

Gehen wir nun in Richtung Hochaltar.

Der Altar steigt in drei Geschossen auf. Seine Mitte zeigt den Zugang zum Himmel, zum Thronsaal Gottes. Michael bewacht dieses Tor; unter dem Bild steht der Satz: „Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen.“ Das Altarbild schuf Christoph Schwarz.

Über Michael erscheint Christus als kommender Richter. Noch höher leuchtet das Christusmonogramm IHS in einer Sonne – zugleich das Zeichen des Jesuitenordens. Die Fassade und der Hochaltar antworten einander also: Draußen Michael als öffentlicher Kämpfer, drinnen Michael als Wächter des Himmels.

Der ursprüngliche Tabernakel nahm die ganze untere Öffnung ein und sollte an das Grab Jesu erinnern. Der heutige Tabernakel stammt von 1958.

Besonderheit: Der Hochaltar gilt als früher Prototyp für zahlreiche barocke Altäre in Bayern. St. Michael steht damit am Übergang: Ihre Architektur ist Renaissance, aber ihr Altar weist bereits in die theatralische Bildsprache des Barock.

12. Die Kreuzkapelle – Reliquie, Schmerz und Nähe

Gehen wir jetzt zur Kreuzkapelle.

Sie galt als der heiligste Raum der Kirche, weil sie neben weiteren Kostbarkeiten ein kleines Holzstückchen vom Kreuz Christi bewahrte. Hier tritt die große staatliche und theologische Geste der Hauptkirche zurück. Schmerz, Trauer und persönliches Gebet werden näher.

Am Zugang stehen Christus als Vir dolorum, als Schmerzensmann, und Maria als Mater Dolorosa, als schmerzensreiche Mutter. In den Wandnischen befinden sich die heilige Katharina und die heilige Barbara. Das Altarbild stammt von Hans von Aachen.

Besonderheit: Die Kreuzkapelle bildet den Gegenraum zur triumphierenden Fassade. Draußen beherrscht Michael den Dämon. Hier wird nicht Sieg, sondern Verletzlichkeit gezeigt.

13. Die Kanzel – als eine Predigt zum architektonischen Ereignis wurde

Schauen wir zum Pfeiler links im Hauptschiff.

Die Kanzel von St. Michael war 1597 die erste fest installierte Kanzel in einer Münchner Kirche. Das klingt wie ein kleines Detail, erzählt aber von einer großen Veränderung. In Jesuitenkirchen sollte die Predigt regelmäßig stattfinden. Glauben sollte gehört, verstanden und im Leben angewandt werden.

1697 erhielt die Kanzel eine barocke Gestalt nach Entwurf des Jesuitenbruders Johann Hörmann. Von dieser Kanzel predigte im 20. Jahrhundert Pater Rupert Mayer gegen den Nationalsozialismus.

Besonderheit: Die Kanzel verbindet zwei Jahrhunderte öffentlicher Rede: die rhetorische Bildungsmission der Jesuiten und den persönlichen Mut eines Predigers im Widerstand gegen eine Diktatur.

14. Orgelempore und Musik – Klang an der Schwelle

Drehen wir uns nun zum Eingang um.

An der Innenseite der Fassade liegt die Orgelempore. Von Beginn an war sie für Orgel, Sängerchor und Instrumentalisten gedacht. Das war damals eine Neuerung: Früher standen Sänger meist im Chorraum oder auf kleineren Tribünen. In St. Michael zog die Musik an die Schwelle zwischen Stadt und Kirche.

Im 19. Jahrhundert wirkte hier Joseph Gabriel Rheinberger als Organist. Seine Orgel fiel 1944 den Bomben zum Opfer. Die heutige Rieger-Orgel wurde 2011 geweiht. Ihr historischer Prospekt von Johann Hörmann aus dem 17. Jahrhundert blieb erhalten.

Besonderheit: Die Empore ist nicht nur ein Balkon für Musik. Sie macht den Bau zu einem Klangraum mit klaren Polen: Orgel und Chor im Westen, Hochaltar im Norden, Kanzel im Schiff, Kreuz in der Mitte.

15. Die Fürstengruft – bayerische Geschichte unter dem Chor

Unter dem Chor liegt die Fürstengruft der Wittelsbacher. Hier ruhen Wilhelm V., Kurfürst Maximilian I., König Ludwig II. und weitere Angehörige der Dynastie. Der Prunksarkophag Ludwigs II. ist das bekannteste Grabmal.

Ludwig II. und St. Michael scheinen auf den ersten Blick nicht leicht zusammenzupassen. Er gehört zu Neuschwanstein, Wagner, Theaterträumen und dem 19. Jahrhundert. St. Michael steht für jesuitische Disziplin und den programmatischen Katholizismus des 16. Jahrhunderts. Doch beide gehören zur Geschichte eines Herrscherhauses, das Architektur stets zur Selbstdeutung nutzte.

Besonderheit: Ludwigs Herz liegt nicht in der Gruft, sondern nach Wittelsbacher Tradition in einer Silberurne in Altötting. Der berühmte König ist in Bayern also an zwei Orten erinnert.

16. Krieg und Wiederaufbau – als die große Tonne fiel

Am 22. November 1944 trafen fünf Volltreffer die Kirche. Dach und Gewölbe wurden zerstört; eine Bombe durchschlug den Hochchor bis zur Wittelsbachergruft, der Hochaltar erlitt schwere Schäden.

Nach 1945 begann der Wiederaufbau. An Pfingsten 1953 wurde die Kirche neu geweiht. Die heutige Michaelskirche ist deshalb nicht einfach der Bau von 1597. Sie ist zugleich ein Nachkriegsbau, der seine historische Gestalt nach einer Katastrophe zurückgewonnen hat.

Besonderheit: Gerade weil St. Michael so stark von ihrer einheitlichen Raumwirkung lebt, war der Verlust des Gewölbes besonders einschneidend. Wiederaufbau bedeutete hier nicht nur, Mauern zu reparieren, sondern die große innere Bewegung des Raumes neu herzustellen.

17. Die Alte Akademie und der Richard-Strauss-Brunnen – Bildung neben der Kirche

Treten wir wieder hinaus und wenden uns der Alten Akademie zu, dem ehemaligen Jesuitenkolleg, auch Wilhelminum genannt. Kirche und Kolleg waren eine Einheit: Hier wurde gebetet, dort gelehrt. Rhetorik, Philosophie, Theater und geistliche Übungen gehörten zur Bildungswelt der Jesuiten.

Ein paar Schritte weiter öffnet sich die Neuhauser Straße am Richard-Strauss-Brunnen. Der Brunnen, die Arkaden und die kleine Platzaufweitung schaffen eine Pause im Einkaufsstrom. Von hier aus lässt sich die Fassade noch einmal aus etwas Abstand sehen.

Besonderheit: Die Alte Akademie verbindet die Kirche mit Münchens Wissenschaftsgeschichte. Ihre Nachkriegsarchitektur und ihre Arkaden zeigen zugleich, dass die Umgebung nicht als Museumsstück, sondern als weitergebauter Stadtraum existiert.

18. Der Bürgersaal – vom fürstlichen Programm zur bürgerlichen Frömmigkeit

Gehen wir schließlich weiter in Richtung Karlsplatz zum Bürgersaal. Der Weg ist kurz, der historische Unterschied groß. St. Michael ist die Kirche des Herzogs und der Jesuiten. Der Bürgersaal entstand 1709/10 nach Plänen Giovanni Antonio Viscardis für die Marianische Männerkongregation.

Der Bau besitzt eine Ober- und eine Unterkirche. In der Unterkirche liegt der selige Jesuit Rupert Mayer begraben, der in den 1920er- und 1930er-Jahren gegen den Nationalsozialismus predigte. Nach dem Krieg nahm der Bürgersaal zeitweise die Gemeinde der zerstörten Michaelskirche auf.

Besonderheit: Der Bürgersaal wirkt in der Häuserzeile zunächst unscheinbar. Hinter seiner Fassade verbirgt sich jedoch ein zweigeschossiger Sakralbau – oben ein barocker Versammlungsraum, unten eine Grab- und Gedenkkirche.

19. Abschied – eine Kirche, die ihre Absicht nicht versteckt

Zum Abschluss gehen wir gedanklich noch einmal zur Fassade zurück.

Jetzt sehen wir nicht nur eine Renaissancekirche. Wir sehen ein sorgfältig komponiertes Gesamtkunstwerk: Michael aus Bronze, die Herrscherfiguren, das Backsteingewölbe, die Seitenkapellen, das Kruzifix Giambolognas, den Reliquienschrein, den Hochaltar, die Kanzel, die Orgel und die Gruft.

St. Michael will überzeugen. Sie ordnet den Blick, führt den Weg nach innen und deutet die Geschichte Bayerns. Sie ist ein Machtbild, aber auch ein Raum für Stille. Sie ist Renaissance, die bereits den Barock vorausahnt. Und sie ist eine Nachkriegskirche, die beweist, dass Wiederaufbau nicht bedeutet, Geschichte zu vergessen.

Wer an der Fassade vorbeigeht, kann sie für ein eindrucksvolles Hintergrundbild der Fußgängerzone halten. Wer stehen bleibt, betritt jedoch ein ganzes Jahrhundert – und einen Raum, der bis heute die Frage stellt, welche Bilder wir für glaubwürdig halten.

Quellenhinweise

Jesuitenkirche St. Michael: Architektur – https://www.st-michael-muenchen.de/besuch-mitmachen/bauwerk-st-michael/architektur

Jesuitenkirche St. Michael: Baugeschichte – https://www.st-michael-muenchen.de/index.php?id=155

Jesuitenkirche St. Michael: Kosmas-und-Damian-Schrein – https://www.st-michael-muenchen.de/besuch-mitmachen/bauwerk-st-michael/kosmas-damian-schrein

Jesuitenkirche St. Michael: Giambologna-Kruzifix – https://www.st-michael-muenchen.de/en/besuch-mitmachen/bauwerk-st-michael/giambologna-cross

Jesuitenkirche St. Michael: Orgelempore – https://m.st-michael-muenchen.de/indexf3e1.html?id=499

Landeshauptstadt München: St. Michael – https://www.muenchen.de/sehenswuerdigkeiten/kirchen-und-kloester/st-michael

Erzbistum München und Freising: Bürgersaalkirche – https://www2.erzbistum-muenchen.de/EMFInclude/Pages/Organisation.aspx?id=2161

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