Ein feuilletonistisches Dossier über die Albertina in Wien
Die Albertina besitzt einen der merkwürdigsten Standorte unter den großen europäischen Museen. Sie steht nicht einfach an einer Straße. Sie thront über Wien.
Von ihrer Terrasse blickt man auf die Staatsoper, auf die Dächer der Innenstadt und hinüber in jene Stadt, in der sich auf wenigen Quadratkilometern die politische, höfische und kulturelle Geschichte der Habsburgermonarchie verdichtet. Hinter der Albertina beginnt die Hofburg. Unter ihr liegt die Augustinerbastei, ein Überrest jener Befestigungsanlagen, die Wien einst umgaben. Schon der Ort erzählt deshalb etwas über dieses Museum.
Die Albertina ist kein Museum, das nachträglich irgendwo in die Stadt gesetzt wurde. Sie ist in deren historische Schichten hineingebaut. Festung. Palais. Privatsammlung. Dynastisches Erbe. Republikanisches Museum. Internationale Ausstellungsinstitution. Vielleicht lässt sich die Albertina überhaupt am besten über diese Folge verstehen. Denn kaum ein anderes Wiener Museum hat seine Identität so oft verändert und dabei zugleich einen erstaunlich stabilen Kern bewahrt:
das Sammeln auf Papier. Heute umfassen die Bestände der Albertina rund 1,2 Millionen Werke aus der Zeit vom 15. bis ins 21. Jahrhundert. Ihr historisches Herz bildet eine der bedeutendsten grafischen Sammlungen der Welt.
Ein Museum, das mit einer Ehe beginnt
Die Geschichte der Albertina beginnt erstaunlicherweise nicht mit Wien. Und nicht einmal mit einem Museum. Sie beginnt mit Albert Kasimir von Sachsen-Teschen.
Albert wurde 1738 geboren und heiratete 1766 Erzherzogin Marie Christine, eine Tochter Maria Theresias. Diese Ehe war für die Verhältnisse des europäischen Hochadels bemerkenswert. Marie Christine war die Lieblingstochter Maria Theresias und durfte – anders als die meisten ihrer Geschwister – offenbar aus Zuneigung heiraten. Durch die Ehe rückte Albert in das Zentrum der habsburgischen Machtwelt.
Doch zugleich entwickelte sich etwas, das für seine spätere Bedeutung wichtiger wurde als viele seiner politischen Ämter: Er begann systematisch Kunst auf Papier zu sammeln.
Seit etwa 1770 baute Albert eine Sammlung von Zeichnungen und Druckgrafiken auf. Als offizielles Gründungsdatum der heutigen Albertina gilt 1776. Die Sammlung war ausdrücklich enzyklopädisch gedacht: Sie sollte wesentliche Künstler, Schulen und Epochen europäischer Kunst repräsentieren. Als Albert 1822 starb, besaß sie bereits rund 14.000 Zeichnungen und etwa 200.000 druckgrafische Blätter. Das klingt zunächst nach der üblichen Sammelleidenschaft eines Aristokraten.
Doch darin steckte ein neuer Geist.
Sammeln im Zeitalter der Aufklärung
Für frühere Fürsten war Sammeln häufig eine Demonstration von Seltenheit gewesen. Eine Kunstkammer sollte staunen machen. Gold. Elfenbein. Exotische Tiere. Merkwürdige Naturgegenstände. Automaten. Antiken. Gemälde. Alles konnte nebeneinanderstehen, solange es außergewöhnlich genug war. Albert sammelte anders. Seine Sammlung sollte systematisch sein. Künstler wurden eingeordnet. Schulen unterschieden. Epochen miteinander verglichen.
Das entspricht ziemlich genau jenem intellektuellen Klima, das wir mit der europäischen Aufklärung verbinden. Die Welt sollte nicht mehr nur bestaunt werden. Sie sollte geordnet und verstanden werden. Damit gehört die Albertina gedanklich in dieselbe Epoche, aus der später auch die großen naturwissenschaftlichen und kunsthistorischen Museen hervorgehen. Aber ihr Medium ist bemerkenswert bescheiden. Papier.
Die Rückseite der Kunstgeschichte
Wer durch große Gemäldegalerien geht, sieht meistens Ergebnisse. Das fertige Gemälde. Die große Komposition. Das repräsentative Werk. Eine Zeichnung ist häufig etwas anderes. Sie kann Versuch sein. Gedanke. Beobachtung. Studie. Korrektur. Vorbereitung. Manchmal ein autonomes Kunstwerk. Manchmal nur eine wenige Sekunden dauernde Bewegung der Hand. Gerade deshalb besitzt die grafische Sammlung der Albertina eine besondere Qualität.
Sie zeigt nicht nur, was Künstler gemacht haben. Sie erlaubt manchmal einen Blick darauf, wie sie gedacht haben. Eine Zeichnung kann näher am Moment der Entstehung liegen als das spätere Gemälde. Das macht sie verletzlich. Aber auch intim.
Und dann sitzt dort ein Hase
Das berühmteste Beispiel ist natürlich Albrecht Dürers Feldhase von 1502. Kaum ein Kunstwerk ist stärker mit der Albertina verbunden. Der Hase ist erstaunlich klein. Wer ihn nur aus Büchern, Plakaten oder Reproduktionen kennt, hat möglicherweise etwas Monumentaleres erwartet. Doch gerade die Konzentration dieses Blattes macht seine Wirkung aus. Fell. Ohren. Auge. Körperhaltung. Licht. Es ist keine bloße zoologische Illustration.
Dürer verwandelt ein gewöhnliches Tier in ein Objekt fast meditativer Aufmerksamkeit. Man könnte den Feldhasen deshalb als eine kleine Manifestation der Renaissance lesen: Die Welt ist es wert, genau angesehen zu werden. Nicht nur Heilige. Nicht nur Könige. Nicht nur mythologische Figuren. Auch ein Hase.
Die Albertina besitzt darüber hinaus herausragende Arbeiten von Michelangelo, Raffael, Leonardo, Rembrandt, Rubens, Klimt, Schiele, Picasso und vielen anderen. Ihre grafischen Bestände umfassen mehr als eine Million Zeichnungen und Druckgrafiken und reichen von der Spätgotik bis zur Gegenwart.
Der Feldhase ist meistens gar nicht da
Darin steckt allerdings ein kleines Paradox der Albertina. Viele Besucher kommen wegen berühmter Zeichnungen. Doch gerade diese Zeichnungen können nicht dauerhaft gezeigt werden. Papier reagiert empfindlich auf Licht. Pigmente verblassen. Material altert. Deshalb verbringen viele der berühmtesten Werke einen großen Teil ihres Lebens im Depot. Das unterscheidet eine grafische Sammlung fundamental von einer klassischen Gemäldegalerie.
Ein Ölgemälde kann über Jahrzehnte an einer Wand hängen. Eine empfindliche Aquarellzeichnung nicht. Das eigentliche Museum der Albertina ist deshalb größer als das, was der Besucher sieht. Man könnte sogar sagen: Die Albertina ist zu einem erheblichen Teil ein unsichtbares Museum. Hunderttausende Blätter existieren in Depots, Mappen und historischen Sammelbänden und erscheinen nur zeitweise im Licht der Ausstellungsräume.
Die Institution bewahrt unter anderem 1.436 historische Sammelbände, in denen große Teile der Druckgrafiksammlung nach dem ursprünglichen Ordnungssystem erhalten blieben.
Von Brüssel nach Wien
Albert und Marie Christine lebten zunächst nicht dauerhaft in Wien. Als Statthalter der Österreichischen Niederlande residierten sie lange in Brüssel. Dort wuchs die Sammlung weiter. Die politischen Umwälzungen der Französischen Revolution und die Kriege am Ende des 18. Jahrhunderts beendeten schließlich diese Lebensphase. Das Paar musste Brüssel verlassen. Die Sammlung kam nach Wien. Damit begann die zweite Existenz der heutigen Albertina.
Nicht mehr nur als Sammlung eines europäischen Aristokratenpaares. Sondern als Bestandteil der Wiener Hoflandschaft.
Ein Palais auf einer Festungsmauer
1794 bezog Albert das Palais auf der Augustinerbastei. Der Ort ist bis heute ungewöhnlich. Die Albertina steht teilweise auf einer ehemaligen Befestigungsanlage der Stadt. Deshalb erhebt sie sich deutlich über das Straßenniveau. Wer heute über die Rolltreppe oder die monumentale Freitreppe auf die Albertina-Plattform gelangt, vollzieht unbewusst eine kleine historische Bewegung: Er steigt auf die alte Stadtmauer.
Von dort aus hat man einen der charakteristischsten Blicke auf Wien. Direkt darunter liegt der Albertinaplatz. Gegenüber die Staatsoper. Wenige Schritte entfernt die Hofburg, die Augustinerkirche, die Kapuzinergruft und der Neue Markt. Die Albertina befindet sich damit an einer außergewöhnlichen Schnittstelle: zwischen Stadt und Hof, zwischen bürgerlichem Wien und imperialem Wien, zwischen Theater, Kirche, Residenz und Museum.
Die Prunkräume sind keine Dekoration
Wer die Albertina heute nur als modernes Ausstellungshaus besucht, kann leicht übersehen, dass man sich in einem ehemaligen habsburgischen Wohnpalais befindet. Die Prunkräume erinnern daran. Sie stammen aus jener Zeit, als das Palais von Albert und später von weiteren habsburgischen Erzherzögen bewohnt wurde. Diese Räume verändern das Verständnis des Museums entscheidend. Denn plötzlich wird klar: Die Sammlung entstand nicht in einer abstrakten Institution.
Sie gehörte Menschen. Sie war Teil einer Lebenswelt. Kunst wurde betrachtet, gezeigt, geordnet und diskutiert, während wenige Räume weiter gegessen, empfangen, politisiert und repräsentiert wurde. Das Museum und der Palast waren ursprünglich nicht voneinander getrennt. Die Kunst gehörte zum Leben des Hofes.
Albertina
Interessanterweise hieß die Sammlung zunächst gar nicht Albertina. Der Name setzte sich erst später durch und leitet sich von ihrem Begründer ab. Aus Albert wurde Albertina. Damit geschieht etwas Typisches für kulturelle Institutionen. Ein privater Name wird zum öffentlichen Markennamen. Heute denken nur wenige Menschen beim Wort „Albertina” unmittelbar an Albert von Sachsen-Teschen. Die Institution ist größer geworden als ihr Namensgeber.
1918: Wieder verschwindet der Kaiser
Wie beim Kunsthistorischen Museum stellt auch der Zusammenbruch der Monarchie 1918 eine entscheidende Zäsur dar. Die politische Welt, in der die Sammlung entstanden war, existierte plötzlich nicht mehr. Das Habsburgerreich verschwand. Wien wurde Hauptstadt einer kleinen Republik. Doch seine imperialen Sammlungen blieben. Damit entstand eine der faszinierendsten kulturellen Transformationen des modernen Österreich: Die Republik erbte die Kulturinfrastruktur der Monarchie.
Paläste wurden Museen. Hofsammlungen wurden öffentliche Sammlungen. Repräsentationsräume wurden Gemeingut. Auch die Albertina wandelte sich von einer dynastisch geprägten Sammlung zu einer staatlichen Museumsinstitution. Wieder verändert sich weniger der Gegenstand als seine Bedeutung. Die Zeichnung bleibt dieselbe. Der Eigentümer wechselt.
Das beschädigte Gedächtnis
Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren. 1945 wurde das Albertina-Palais durch Bombentreffer schwer beschädigt. Damit trifft die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf einen Ort, der lange wie außerhalb der Zeit gewirkt hatte. Die Wiederherstellung dauerte Jahre. Und wie bei vielen historischen Gebäuden Wiens entstand schließlich keine vollkommen identische Rekonstruktion eines früheren Zustandes. Auch die Albertina ist deshalb ein Palimpsest.
Ein Gebäude, in dem verschiedene Epochen übereinanderliegen.
Vom Spezialmuseum zur großen Bühne
Über lange Zeit war die Albertina vor allem Fachleuten und Kunstkennern als außergewöhnliche grafische Sammlung bekannt. Das heutige Museum funktioniert anders. Seit der grundlegenden Renovierung und Wiedereröffnung Anfang der 2000er Jahre entwickelte sich die Albertina zunehmend zu einem internationalen Ausstellungshaus. Picasso. Monet. Dürer. Klimt. Munch. Warhol. Richter. Große Namen prägen das Programm. Das ist kulturpolitisch interessant.
Denn die Albertina vollzieht damit einen Wandel, den viele große Museen durchlaufen: vom Sammlungsinstitut zum Ausstellungsmedium. Früher definierte sich ein Museum vor allem darüber, was es besaß. Heute definiert sich seine öffentliche Wahrnehmung häufig darüber, was es gerade zeigt.
Die Sammlung Batliner – Monet bis Picasso
Ein entscheidender Schritt dieser Entwicklung war die langfristige Überlassung der Sammlung Batliner. Seit 2007 verfügt die Albertina damit über eine bedeutende Sammlung moderner Malerei. Unter dem programmatischen Titel „Monet bis Picasso” entstand etwas, das die Identität der Institution nachhaltig verändert hat. Plötzlich war die Albertina nicht mehr nur das Haus der Zeichnung. Sie konnte eine Erzählung der klassischen Moderne präsentieren. Impressionismus.
Postimpressionismus. Expressionismus. Kubismus. Moderne. Damit wurde aus einer der bedeutendsten grafischen Sammlungen der Welt zunehmend ein universelleres Kunstmuseum.
Eine Institution beginnt zu wachsen
Dieser Prozess setzte sich fort. Heute besitzt die Albertina nicht nur Zeichnungen und Druckgrafik, sondern Sammlungsbereiche für Gemälde und Skulptur, Fotografie, Architektur sowie Objekt-, Installations- und Medienkunst. Insgesamt nennt die Institution rund 1,2 Millionen Werke. Und inzwischen gibt es nicht mehr nur die Albertina. Es gibt mehrere Albertinas. Die historische Albertina am Albertinaplatz. Die Albertina Modern am Karlsplatz. Und Albertina Klosterneuburg.
Die Institution hat sich gewissermaßen von ihrem Gebäude gelöst.
Die Albertina Modern – ein Museum bekommt einen zweiten Körper
2020 eröffnete die Albertina Modern im Künstlerhaus am Karlsplatz. Auch hier ist der Ort bemerkenswert. Das Künstlerhaus selbst stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde 1865 errichtet. Zwischen 2017 und 2020 wurde es umfassend restauriert und modernisiert. Heute stehen dort moderne und zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt.
Die Albertina Modern verfügt über mehr als 60.000 Werke von rund 5.000 Künstlerinnen und Künstlern. Einen wichtigen Grundstock bildet die Sammlung Essl, die seit 2017 zur Albertina gehört. Damit bekommt die Albertina eine institutionelle Arbeitsteilung. Die historische Albertina bleibt stark mit Zeichnung, Grafik, klassischer Moderne und den Prunkräumen verbunden. Die Albertina Modern übernimmt stärker die Kunst nach 1945 und die Gegenwart.
Das alte Sammlerpalais und das ehemalige Künstlerhaus ergänzen sich.
Sammeln heißt entscheiden
An dieser Stelle wird die Geschichte der Albertina grundsätzlich interessant. Denn ein Museum sammelt niemals einfach „Kunst”. Es entscheidet. Was wird gekauft? Was wird angenommen? Was wird restauriert? Was wird erforscht? Was wird ausgestellt? Was bleibt im Depot? Welche Künstler werden kanonisiert? Welche geraten in Vergessenheit? Jede Sammlung ist deshalb auch eine Maschine zur Herstellung kultureller Bedeutung.
Albert von Sachsen-Teschen verstand das bereits im 18. Jahrhundert. Er wollte nicht beliebige schöne Blätter besitzen. Er wollte Kunstgeschichte systematisch abbilden. Damit wurde der Sammler selbst zum Autor. Nicht eines Kunstwerks. Sondern einer Erzählung über Kunst.
Marie Christine kommt zurück
Gerade im Jubiläumsjahr 2026 – 250 Jahre nach der Gründung der Sammlung – versucht die Albertina interessanterweise, diese Ursprungsgeschichte differenzierter zu erzählen. Die aktuelle Jubiläumsausstellung betont ausdrücklich die Rolle Marie Christines beim Aufbau der Sammlung und untersucht, mit welchen Motiven Albert und Marie Christine sammelten. Das ist mehr als eine biografische Ergänzung.
Es zeigt, wie Museen auch ihre eigene Vergangenheit immer wieder neu interpretieren. Eine Sammlung ist nicht nur ein Archiv von Kunst. Sie besitzt selbst eine Geschichte. Und auch diese Geschichte kann umgeschrieben werden.
Der seltsame Flügel
Über eine Sache muss man sprechen, wenn man über die heutige Albertina spricht. Über das Dach ragt ein riesiger moderner Flügel. Hans Holleins Soravia Wing, 2003 eröffnet, schiebt sich weit über die Bastion hinaus. Für die einen ist er ein eleganter architektonischer Kontrapunkt. Für andere ein Fremdkörper. Das Interessante daran ist weniger, wer Recht hat. Interessanter ist, warum er so stark auffällt.
Denn die Albertina steht an einem Ort, an dem Wien seine historische Erscheinung besonders sorgfältig inszeniert. Hofburg. Oper. Historistische Fassaden. Palais. Mitten hinein ragt plötzlich eine moderne, scharf geschnittene Form. Sie sagt beinahe demonstrativ: Dieses Haus ist kein eingefrorenes Denkmal. Es möchte Gegenwart sein.
Die Albertina und das Wiener Museumsdreieck
Wenn man die Albertina gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum und dem MuseumsQuartier betrachtet, entsteht ein ausgesprochen interessantes Bild. Nur wenige Gehminuten trennen diese Institutionen. Doch sie verkörpern unterschiedliche Vorstellungen vom Museum. Das Kunsthistorische Museum ist der große imperiale Museumspalast des 19. Jahrhunderts. Es ordnet Meisterwerke in monumentalen Sälen. Das MuseumsQuartier ist das Kulturquartier des frühen 21. Jahrhunderts.
Es verbindet Museen, Öffentlichkeit, Gastronomie und urbanes Leben. Die Albertina liegt gewissermaßen dazwischen. Sie ist älter als beide als Sammlung. Aber jünger als Institution in ihrer heutigen Form. Sie war Privatkollektion. Palais. Grafisches Kabinett. Bundesmuseum. Internationales Ausstellungshaus. Und inzwischen Museumsverbund. Vielleicht ist gerade diese Wandlungsfähigkeit ihr Charakter.
Was man dort eigentlich sieht
Wer die Albertina besucht, sollte deshalb nicht nur fragen: Welche Ausstellung läuft gerade? Interessanter sind vier Ebenen gleichzeitig. Da ist erstens die Kunst. Dürer, Klimt, Schiele, Picasso und die vielen anderen. Da ist zweitens die Sammlung. Also die Frage, weshalb genau diese Werke über Jahrhunderte hierher gelangt sind. Da ist drittens der Palast. Die Erinnerung daran, dass diese Sammlung Teil einer aristokratischen Lebenswelt war.
Und schließlich ist da das moderne Museum. Eine Institution, die Besucher gewinnen, Ausstellungen produzieren, international sichtbar bleiben und sich permanent neu positionieren muss. Diese vier Albertinas existieren gleichzeitig.
Der Unterschied zwischen besitzen und bewahren
Vielleicht führt die Geschichte der Albertina schließlich zu einer grundsätzlichen Frage. Was bedeutet es eigentlich, ein Kunstwerk zu besitzen? Albert von Sachsen-Teschen konnte sagen: Das ist meine Sammlung. Heute würde niemand ernsthaft sagen: Der Feldhase gehört der österreichischen Regierung. Juristisch mag Eigentum eindeutig sein. Kulturell funktioniert es anders. Ein solches Werk wird irgendwann Teil eines gemeinsamen Gedächtnisses.
Die Aufgabe des Museums besteht dann weniger darin, es zu besitzen, als darin, es zu bewahren. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Besitz schaut auf die Gegenwart. Bewahrung schaut auf die Zukunft.
Das Papier überlebt den Fürsten
Vielleicht liegt darin die schönste Pointe der Albertina. Albert von Sachsen-Teschen war einmal einer der mächtigsten Aristokraten Europas. Statthalter. Herzog. Schwiegersohn Maria Theresias. Bewohner eines Palastes. Seine politische Welt ist verschwunden. Seine Ämter interessieren heute hauptsächlich Historiker. Seine Sammlung dagegen existiert weiter.
Und unter all den Gegenständen, die die Habsburger hinterlassen haben, gehören ausgerechnet fragile Blätter Papier zu den dauerhaftesten. Ein Aquarell. Eine Zeichnung. Ein paar Linien mit Kreide. Ein Druck. Materialien, die beinahe nichts wiegen und die Licht kaum vertragen. Sie haben Kaiserreiche überlebt. Vielleicht ist die Albertina deshalb nicht nur ein Museum über Kunst. Sie ist ein Museum über eine merkwürdige menschliche Hoffnung:
dass etwas, das uns wichtig erscheint, länger leben möge als wir selbst. Und so steht die Albertina noch immer auf ihrer Bastion. Unter ihr bewegt sich Wien. Straßenbahnen fahren. Touristen ziehen zur Oper. Regierungen wechseln. Die Stadt verändert sich. Oben liegt, gut geschützt vor dem Licht, ein Hase aus dem Jahr 1502. Und wartet.