Wer Wien verstehen will, sollte nicht zuerst in ein Geschichtsbuch sehen. Er sollte spazieren gehen.
Am Hohen Markt liegen unter modernen Häusern die Reste des römischen Legionslagers Vindobona. Wenige Minuten weiter erhebt sich der Stephansdom über einer Stadt, deren mittelalterliche Gassen sich noch immer gegen den rechten Winkel sperren. Hinter der Hofburg beginnt jene Welt, in der eine Dynastie über Jahrhunderte an einem Reich baute. Auf der Ringstraße stehen Parlament, Rathaus, Universität, Oper und Museen wie die steinernen Institutionen einer Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert glaubte, Geschichte lasse sich in Architektur verwandeln. In Heiligenstadt, Ottakring oder Döbling erzählen Gemeindebauten vom politischen Experiment des Roten Wien. Am Morzinplatz fehlt ein Gebäude, weil hier einmal die Gestapo residierte. Am Schwarzenbergplatz erinnert ein sowjetisches Denkmal daran, dass Wien 1945 nicht einfach „befreit” erwachte, sondern aus einem Krieg hervorging, an dem viele seiner Bewohner zuvor mitgewirkt hatten. Und an der Donau steht die UNO-City: ein Stück internationaler Nachkriegsmoderne in einer Stadt, die lange als Hauptstadt eines verschwundenen Kaiserreichs betrachtet wurde.
Wien ist deshalb keine Stadt, in der Geschichte lediglich konserviert wird. Geschichte ist hier Stadtmaterial. Die Besonderheit Wiens liegt weniger darin, dass es alt ist. Rom ist älter. Athen ist älter. Auch Paris, London oder Köln besitzen römische und mittelalterliche Schichten. Eigenartig an Wien ist die Dichte, mit der unterschiedliche politische Systeme denselben Stadtraum weiterverwendet haben.
Römisches Grenzlager. Babenbergische Residenz. Habsburgische Hauptstadt. Metropole eines Vielvölkerreiches. Hauptstadt eines plötzlich sehr kleinen Staates. Laboratorium sozialdemokratischer Kommunalpolitik. Provinzstadt des nationalsozialistischen Deutschen Reiches. Besetzte Viersektorenstadt. Hauptstadt eines neutralen Staates zwischen den Blöcken. Europäische Metropole im Zentrum eines wieder offenen Kontinents.
Kaum eines dieser Systeme hat die Stadt vollständig neu gebaut. Fast alle haben die vorhandene Stadt übernommen, erweitert, umgedeutet und mit neuen Zeichen versehen. Darum ist Wien ein Palimpsest: ein Pergament, auf dem immer wieder geschrieben wurde, ohne dass die ältere Schrift ganz verschwand.
Diese Erzählung folgt keiner lückenlosen Chronik, sondern interessiert sich für die großen Verwandlungen: dafür, warum ausgerechnet hier eine Stadt entstand, wie der Hof die Stadt prägte, warum Wien um 1900 zugleich glänzend und nervös war, wie die Republik den imperialen Stadtkörper erbte, wie Nationalsozialismus und Krieg die Stadt zerstörten und wie Wien danach eine neue Rolle fand. Die Leitfrage lautet dabei nicht nur: Was geschah?
Sondern: Was davon kann man heute noch sehen?
1. Der Ort – Warum hier überhaupt eine Stadt entstand
Wien liegt nicht zufällig dort, wo es liegt. Die Stadt befindet sich an einer geographischen Nahtstelle. Im Westen laufen die Alpen im Wienerwald aus. Im Osten beginnt die pannonische Ebene. Die Donau verbindet den Raum mit Süddeutschland, Ungarn und weiter mit Südosteuropa. Von Norden führen Wege aus Böhmen und Mähren heran; nach Süden öffnen sich Routen über die Alpen und in Richtung Adriaraum.
Das klingt auf einer Karte abstrakt. Historisch bedeutet es: Hier begegnen sich Landschaften, Verkehrswege und politische Räume. Die Donau war dabei immer beides: Verbindung und Grenze. Für das Römische Reich markierte sie über lange Zeit einen Abschnitt des Limes. Nördlich des Stroms begann die Welt jenseits der römischen Provinzen. Südlich davon musste eine militärische Infrastruktur entstehen, die Truppen versorgte, Bewegung kontrollierte und Handel ermöglichte.
So wurde aus einem günstigen Ort ein strategischer Ort. Und aus einem strategischen Ort konnte eine Stadt werden.
Noch heute ist Wiens Topographie ohne diese Lage kaum verständlich. Die Altstadt liegt nicht direkt an der heutigen Hauptströmung der Donau. Der Fluss bestand historisch aus einem unruhigen System von Armen, Inseln und Überschwemmungsflächen. Erst durch große Regulierungsprojekte des 19. und 20. Jahrhunderts entstand jene Donau, die auf modernen Stadtplänen so selbstverständlich wirkt.
Die Stadt ist deshalb nicht einfach „an der Donau” gewachsen. Sie hat über Jahrhunderte darum gerungen, die Donau zu beherrschen. Das ist ein frühes Wiener Motiv: Natur wird Infrastruktur, Infrastruktur wird Politik, Politik wird Stadtgestalt.
2. Vindobona – Unter Wien liegt Rom
Am Hohen Markt kann man eine der schönsten historischen Irritationen Wiens erleben. Oberhalb fahren Autos, Menschen kaufen ein, die Ankeruhr spielt ihre Figurenparade. Unterhalb liegen Mauern eines römischen Legionslagers.
Das Lager Vindobona wurde gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus an der Donaugrenze eingerichtet; die Stadt Wien datiert die Gründung des Legionslagers auf das Jahr 97. Im zweiten und dritten Jahrhundert entwickelte sich um das Militärlager eine zivile Siedlungswelt mit Handwerk, Handel, Wohnhäusern, Bädern, Kultstätten und jener alltäglichen Infrastruktur, die überall dort entsteht, wo mehrere Tausend Soldaten dauerhaft stationiert sind.
Das römische Wien war keine Hauptstadt. Es war Peripherie eines Imperiums. Gerade das macht den Vergleich mit dem späteren Wien reizvoll. Eine Stadt, die Jahrhunderte später politische Mitte eines riesigen Reiches werden sollte, begann als Grenzposten.
Der Grundriss des Lagers hat sich in überraschenden Spuren erhalten. Teile des heutigen Straßennetzes im ersten Bezirk folgen noch immer Linien, die auf die römische Anlage zurückgehen. Unter der Innenstadt erscheinen bei Grabungen Mauern, Fußböden, Kanäle und Alltagsgegenstände. Man kann darin eine Grundregel europäischer Städte erkennen: Neue Städte entstehen selten auf leerem Boden. Sie wachsen über älteren Ordnungen.
Mit dem Zerfall der römischen Herrschaft im 5. Jahrhundert verschwand Vindobona als römisches System. Der Raum blieb aber besiedelt. Langobarden, Awaren, Slawen und bairische Gruppen prägten die folgenden Jahrhunderte. Die Quellenlage wird dünner; die große Bühne der Weltgeschichte richtet ihren Blick anderswohin. Wien verschwindet nicht. Es wird nur für einige Jahrhunderte leiser.
3. Die Stadt wird Residenz – Babenberger, Handel und Stephansdom
Im Hochmittelalter kehrt Wien in die politische Geschichte zurück. Der entscheidende Schritt geschieht unter den Babenbergern. Herzog Heinrich II., genannt Jasomirgott, verlagerte seine Residenz im 12. Jahrhundert nach Wien. Mit dem Privilegium Minus von 1156 wurde Österreich zum Herzogtum; Wien entwickelte sich nun immer stärker zum politischen Zentrum dieses Territoriums. Damit verändert sich die Logik der Stadt.
Eine Residenz braucht einen Hof. Ein Hof braucht Versorgung. Kaufleute, Handwerker, Geistliche und Dienstleute siedeln sich an. Befestigungen wachsen. Märkte werden wichtiger. 1221 erhielt Wien unter Leopold VI. wichtige Stadtrechte und das Stapelrecht, das den Fernhandel zugunsten der Stadt lenkte. Politische Macht und ökonomische Lage begannen sich gegenseitig zu verstärken.
Auch der Stephansdom gehört in diese Geschichte. Seine Ursprünge reichen in das 12. Jahrhundert zurück; im 14. und 15. Jahrhundert erhielt er wesentliche Teile seiner heutigen gotischen Gestalt. Der Südturm wurde zum weithin sichtbaren Zeichen einer Stadt, die längst mehr sein wollte als eine regionale Siedlung. Der Dom ist dabei kein isoliertes Kunstwerk. Er war religiöses Zentrum, städtischer Orientierungspunkt und politisches Symbol.
Noch heute verrät das mittelalterliche Wien eine andere Vorstellung von Stadt als die spätere Ringstraße. Die Straßen sind eng. Räume entstehen aus Bewegung, nicht aus Repräsentation. Häuser drängen sich aneinander. Plätze sind Ausweitungen des Straßennetzes, keine großzügigen städtebaulichen Kompositionen.
Wer vom Stephansplatz in die kleinen Gassen hinter dem Dom geht, erlebt deshalb nicht bloß „Altstadtromantik”. Er bewegt sich durch die räumliche Logik einer vormodernen Stadt. Und dann kamen die Habsburger.
4. Eine Dynastie übernimmt die Stadt
1278 besiegte Rudolf I. von Habsburg den böhmischen König Ottokar II. Přemysl auf dem Marchfeld. Wenige Jahre später belehnte er seine Söhne mit Österreich und der Steiermark. Damit begann jene Verbindung zwischen Österreich, Wien und den Habsburgern, die über sechs Jahrhunderte die europäische Geschichte prägen sollte.
Am Anfang war keineswegs ausgemacht, dass Wien einmal zum Mittelpunkt habsburgischer Macht werden würde. Die Dynastie besaß verstreute Territorien; Herrscher reisten, Residenzen wechselten, politische Zentren lagen zeitweise anderswo. Doch Wien gewann zunehmend Gewicht.
Rudolf IV., „der Stifter”, gründete 1365 die Universität Wien und förderte den Ausbau von St. Stephan. Er verstand etwas, das erfolgreiche Herrscher immer verstanden haben: Macht braucht Institutionen und Symbole. Eine Universität produziert Wissen und Beamte. Ein Dom produziert Sichtbarkeit und sakrale Bedeutung. Ein Hof produziert politische Nähe. So begann Wien nicht nur größer, sondern dichter zu werden – dichter an Institutionen, Eliten und Entscheidungen.
Mit dem Aufstieg der Habsburger zur europäischen Großdynastie änderte sich schließlich die Größenordnung. Heiraten, Erbschaften und Kriege verbanden die österreichischen Erblande mit Böhmen, Ungarn, den Niederlanden, Spanien, Teilen Italiens und zeitweise mit überseeischen Herrschaftsräumen. Die bekannte habsburgische Strategie des Heiratens war keine romantische Eigenart, sondern Geopolitik.
Wien wurde zunehmend zum Ort, an dem eine europäische Dynastie ihre Welt organisierte. Die Hofburg wuchs mit dieser Aufgabe. Aus einer mittelalterlichen Burg entstand über Jahrhunderte kein einheitlicher Palast, sondern ein riesiger Gebäudekomplex. Genau darin ähnelt sie der Stadt selbst: Die Hofburg wurde nie „fertig”. Jede Epoche setzte etwas hinzu. Das ist habsburgisches Wien in Stein.
5. Die Stadt als Grenze – 1529 und 1683
Zweimal wurde Wien zum Symbol einer europäischen Grenzlage. 1529 belagerte das Heer Sultan Süleymans I. die Stadt. Die Osmanen kontrollierten zu diesem Zeitpunkt große Teile Ungarns; Wien lag plötzlich unmittelbar an der Konfliktzone zwischen habsburgischer und osmanischer Macht. Die Belagerung scheiterte. Aber sie veränderte die Stadt.
Die mittelalterliche Befestigung genügte den Anforderungen der neuen Artilleriekriege nicht mehr. In den folgenden Jahrzehnten wurde Wien zu einer modernen Festungsstadt ausgebaut: Bastionen, Wälle und ein breites, unbebautes Glacis trennten die befestigte Innenstadt von den Vorstädten. Diese militärische Ordnung prägte Wien für drei Jahrhunderte.
1683 kam die zweite große Belagerung. Das osmanische Heer unter Großwesir Kara Mustafa Pascha schloss Wien ein. Nach wochenlangen Kämpfen wurde die Stadt am 12. September durch ein Entsatzheer unter Beteiligung des polnischen Königs Johann III. Sobieski sowie kaiserlicher und reichsständischer Truppen befreit.
Die spätere Erinnerung hat daraus häufig eine einfache Erzählung von „Europa gegen die Türken” gemacht. Historisch war die Wirklichkeit komplexer: europäische Mächte konkurrierten miteinander, Allianzen verschoben sich, und die Habsburger selbst regierten Territorien mit vielfältigen Sprachen und Religionen. Trotzdem markiert 1683 eine Zäsur.
Nach der Abwehr begann die habsburgische Macht in Südosteuropa zu expandieren. Wien verlor allmählich den Charakter einer bedrohten Grenzfestung und wurde zur Hauptstadt eines wachsenden Großreichs. Und nun begann die Stadt sich nach außen zu drehen. Palais entstanden. Kirchen wurden gebaut. Adelige Familien errichteten Sommerresidenzen außerhalb der Mauern. Aus der Festungsstadt wurde eine barocke Residenzlandschaft.
6. Barock – Als Macht schön werden wollte
Das Wien des 18. Jahrhunderts ist ohne 1683 kaum denkbar. Nachdem die unmittelbare militärische Bedrohung zurückging, verwandelte sich die Stadt in eine Bühne höfischer und aristokratischer Repräsentation. Die großen Namen der Wiener Barockarchitektur – Johann Bernhard Fischer von Erlach, Johann Lucas von Hildebrandt und andere – schufen eine neue Stadtsprache.
Das Belvedere für Prinz Eugen von Savoyen ist dafür exemplarisch. Ein Feldherr, der im Krieg gegen das Osmanische Reich Karriere gemacht hatte, ließ sich vor den Toren der Stadt eine Residenz bauen, die militärischen Erfolg in Architektur übersetzte.
Auch Schönbrunn wurde zum Ausdruck dynastischer Selbstinszenierung. Die Karlskirche wiederum entstand aus einem Gelübde Kaiser Karls VI. während der Pest von 1713. Krankheit, Religion, Herrschaft und Architektur verbanden sich zu einem Monument.
Wien war damals aber keineswegs nur die elegante Kulisse aus Kuppeln, Gärten und Palais, als die es heute touristisch erscheint. Die Stadt war eng, hygienisch prekär, sozial hierarchisch und immer wieder von Seuchen betroffen. Die große Pest von 1679 gehört ebenso zu ihrer Geschichte wie die barocken Fassaden. Unter Maria Theresia und Joseph II. gewann eine andere Form von Herrschaft an Bedeutung: der reformierende Staat.
Verwaltung, Schule, Militär, Gesundheitswesen und kirchliche Strukturen wurden stärker zentralisiert und rationalisiert. Joseph II. hob zahlreiche Klöster auf, reformierte das Bestattungswesen und erließ 1781 das Toleranzpatent. Hier erscheint ein Motiv, das später für Wien zentral bleiben sollte: die Stadt als Verwaltungsmaschine. Das Kaiserreich regierte nicht nur durch Zeremonie. Es regierte durch Akten, Behörden, Schulen, Normen und Beamte.
Die sprichwörtliche Wiener Bürokratie besitzt einen sehr alten Stammbaum.
7. Mozart, Beethoven und die Erfindung der Musikstadt
Dass Wien heute als Musikstadt gilt, erscheint beinahe naturgegeben. Es war eine historische Konstruktion. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zog die Residenz Musiker, Komponisten, Mäzene und Publikum an. Haydn arbeitete lange im Umfeld der Esterházy, Mozart versuchte sich in Wien als freier Künstler, Beethoven machte die Stadt zu seinem Lebensmittelpunkt, Schubert wurde hier geboren. Entscheidend war das soziale Ökosystem.
Ein großer Hof schuf Nachfrage. Adelige Familien finanzierten Musik. Ein wachsendes Bürgertum entwickelte eigene Konzert- und Salonwelten. Verlage, Instrumentenbauer und Theater bildeten eine Infrastruktur, in der musikalische Produktion wirtschaftlich und gesellschaftlich möglich wurde. Die „Wiener Klassik” ist deshalb nicht nur eine Liste genialer Komponisten. Sie ist das Produkt einer Stadtgesellschaft.
1814/15 trat diese Gesellschaft auf die politische Weltbühne. Beim Wiener Kongress verhandelten die europäischen Mächte nach den Napoleonischen Kriegen eine neue Ordnung des Kontinents. Die berühmte Formel, der Kongress „tanze”, trifft einen Teil der Wirklichkeit: Diplomatie, Bälle, Salons und gesellschaftliche Kontakte waren ineinander verschränkt. Wien war für einen Moment das politische Zentrum Europas. Danach begann der Biedermeier.
Das klingt gemütlich: Möbel, Hausmusik, Kaffeehäuser. Politisch war es die Epoche Metternichs, geprägt von Zensur, Überwachung und dem Versuch, revolutionäre Bewegungen zu kontrollieren. Die elegante Oberfläche und die politische Enge gehörten zusammen. 1848 sollte diese Spannung aufbrechen.
8. 1848 – Als die Mauern politisch zu eng wurden
Am 13. März 1848 erreichte die europäische Revolutionswelle Wien. Studenten, Bürger und Arbeiter forderten politische Reformen, Pressefreiheit und Verfassungen. Staatskanzler Klemens von Metternich, Symbol der restaurativen Ordnung nach 1815, trat zurück und floh. Für einen Moment schien eine andere politische Zukunft möglich.
Doch die Revolution zerfiel an sozialen und politischen Gegensätzen und wurde schließlich militärisch niedergeschlagen. Im Oktober 1848 eroberten kaiserliche Truppen Wien zurück. Die unmittelbare Revolution scheiterte. Aber die Welt, die sie hervorgebracht hatte, ließ sich nicht dauerhaft wiederherstellen.
1848 steht am Beginn einer epochalen Transformation. Feudale Strukturen wurden zurückgedrängt, die Grunduntertänigkeit aufgehoben, Industrialisierung und Kapitalismus beschleunigten die sozialen Veränderungen. Die Stadt wuchs. Eisenbahnen verbanden Wien mit den Kronländern und europäischen Märkten. Fabriken entstanden in den Vorstädten. Menschen wanderten zu. 1850 wurden zahlreiche Vorstädte in Wien eingemeindet.
Nun lag zwischen der alten befestigten Innenstadt und der expandierenden Stadt noch immer das breite Glacis. Die Festungsmauer, jahrhundertelang Sicherheitsgarantie, war städtebaulich zum Hindernis geworden. Am 20. Dezember 1857 ordnete Kaiser Franz Joseph ihren Abbruch an. Damit begann das größte städtebauliche Projekt des 19. Jahrhunderts in Wien.
9. Die Ringstraße – Ein Reich baut sich ein Schaufenster
Die Ringstraße ist keine Straße. Sie ist ein politisches Programm aus Stein. Auf dem Gelände der abgetragenen Befestigungen und des Glacis entstand ab den späten 1850er Jahren ein boulevardartiger Stadtraum. Parlament, Rathaus, Universität, Burgtheater, Kunsthistorisches und Naturhistorisches Museum, Oper, Börse und zahlreiche Palais wurden entlang des Rings gebaut.
Die Architektur zitierte vergangene Epochen. Das Parlament erhielt antikisierende Formen, weil man Griechenland mit Demokratie verband. Das Rathaus wurde neugotisch. Die Universität griff Renaissanceformen auf. Museen wurden zu monumentalen Palästen des Wissens. Historismus war nicht bloß Dekoration. Jede Institution bekam eine historische Sprache, die ihre Bedeutung erklären sollte.
Gleichzeitig war die Ringstraße das Projekt eines neuen Großbürgertums. Bankiers, Industrielle und Unternehmer ließen Palais errichten. Viele Familien waren jüdischer Herkunft oder hatten sich vom Judentum zum Christentum konvertiert; sie gehörten zu jenen Gruppen, die den wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg der Metropole entscheidend mitprägten und gleichzeitig immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert waren. Die Ringstraße zeigt deshalb eine Verschiebung der Macht.
Der Kaiser initiierte das Projekt. Aber die Gesellschaft, die sich dort architektonisch darstellte, war längst nicht mehr nur höfisch. 1867 wurde die Habsburgermonarchie zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Wien blieb Hauptstadt der österreichischen Reichshälfte und kaiserliche Residenz eines Reiches, das von Vorarlberg bis Galizien, von Böhmen bis Dalmatien reichte. Mit diesem Reich wuchs die Stadt.
Menschen kamen aus Böhmen, Mähren, Galizien, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Italien und vielen anderen Regionen. Wien wurde zu einer der großen Migrationsstädte Europas. Die Metropole war deutschsprachig dominiert – und zugleich durch und durch mitteleuropäisch.
1873 wollte Wien mit einer Weltausstellung zeigen, dass es endgültig zur Liga der modernen Metropolen gehörte. Kurz nach der Eröffnung kam der Börsenkrach. Auch das ist Wien: Selbstinszenierung und Krisenbewusstsein liegen erstaunlich nah beieinander.
10. Wien um 1900 – Das Labor der nervösen Moderne
Um 1900 lebten in Wien fast zwei Millionen Menschen. Die Stadt war riesig, jung, dicht, widersprüchlich und nervös. Auf der einen Seite standen Hofburg, Oper, Fiaker und die Rituale der Monarchie. Auf der anderen Seite elektrische Straßenbahnen, Massenpresse, Warenhäuser, Arbeiterbewegung, Psychoanalyse und radikale Kunst. Wien um 1900 fasziniert bis heute, weil auf engem Raum Menschen arbeiteten, die scheinbar verschiedene Welten veränderten.
Sigmund Freud entwickelte die Psychoanalyse. Gustav Klimt und die Künstler der Secession rebellierten gegen den akademischen Kunstbetrieb. Otto Wagner verlangte eine Architektur, die zur modernen Großstadt passen sollte. Adolf Loos erklärte Ornament zum Problem. Arnold Schönberg führte die Musik aus der traditionellen Tonalität. Ludwig Wittgenstein sollte später die Philosophie verändern. Arthur Schnitzler und Karl Kraus sezierten die Sprache und Moral ihrer Gesellschaft.
Das war keine zufällige Versammlung genialer Einzelgänger. Die Stadt erzeugte Reibung. Kaffeehäuser waren Arbeitsräume, Redaktionen, Gesprächsmaschinen. Universitäten und Kliniken zogen Talente an. Salons verbanden soziale Milieus. Mäzene ermöglichten Kunst. Zeitungen vervielfachten Streit. Doch derselbe urbane Raum produzierte auch politische Radikalisierung.
Der christlichsoziale Bürgermeister Karl Lueger verband moderne Kommunalpolitik mit populistischem Antisemitismus. Georg von Schönerers deutschnationale Bewegung radikalisierte ethnischen Nationalismus. Die Sozialdemokratie organisierte die wachsende Arbeiterschaft. Modernität bedeutete nicht automatisch Liberalität. Im Gegenteil: Wien wurde modern, während die politischen Lager sich zunehmend voneinander entfernten.
Die berühmte kulturelle Blüte der Jahrhundertwende war deshalb keine Belle Époque im harmlosen Sinn. Unter der dekorativen Oberfläche der Secession standen Fragen, die das 20. Jahrhundert bestimmen sollten: Wer gehört zur Nation? Wer besitzt politische Macht? Wie hält ein Vielvölkerreich zusammen? Was geschieht, wenn eine alte gesellschaftliche Ordnung nicht mehr zu ihrer modernen Wirtschaft und Kultur passt? 1914 bekam Europa darauf eine katastrophale Antwort.
11. 1914 bis 1918 – Die Hauptstadt verliert ihr Reich
Als der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet wurde, begann nicht sofort der Erste Weltkrieg. Doch wenige Wochen später setzte sich eine politische und militärische Eskalation in Gang, die Europa verwüstete. Für Wien bedeutete der Krieg zunächst Mobilisierung, später Mangel.
Die Hauptstadt eines riesigen Reiches war auf Versorgung aus einem weit verzweigten Wirtschaftsraum angewiesen. Je länger der Krieg dauerte, desto dramatischer wurden Lebensmittelknappheit, Brennstoffmangel und soziale Not. Hunger gehörte zum Alltag. 1916 starb Kaiser Franz Joseph nach 68 Regierungsjahren. Sein Nachfolger Karl konnte den Zerfall nicht mehr stoppen.
Im Herbst 1918 brach die Habsburgermonarchie auseinander. Tschechen, Südslawen, Ungarn und andere politische Bewegungen schufen eigene staatliche Ordnungen. Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Plötzlich war Wien etwas historisch Seltsames: Eine imperiale Hauptstadt ohne Imperium. Die Stadt war für einen Staat gebaut worden, der nicht mehr existierte.
Ministerien, Bahnhöfe, Museen, Theater, Universitäten, Kasernen, Verwaltung und Wohnviertel waren für das Zentrum einer Großmacht dimensioniert. Nun sollte Wien Hauptstadt eines kleinen, wirtschaftlich geschwächten Landes werden. Das hätte zu einem dauerhaften Absturz führen können. Stattdessen begann eines der bemerkenswertesten kommunalpolitischen Experimente des 20. Jahrhunderts.
12. Das Rote Wien – Politik wird Architektur
Bei der ersten demokratischen Wiener Gemeinderatswahl 1919 erhielten die Sozialdemokraten die absolute Mehrheit. Sie machten die Stadt zum politischen Labor. Das „Rote Wien” wollte soziale Ungleichheit nicht allein durch Transfers lindern. Es wollte den Alltag verändern: Wohnen, Gesundheit, Hygiene, Bildung, Freizeit, Kinderbetreuung und Kultur. Am sichtbarsten wurde dieses Programm im kommunalen Wohnbau.
Zwischen 1919 und 1934 entstanden rund 64.000 Gemeindewohnungen in etwa 400 Anlagen. Der Karl-Marx-Hof, der George-Washington-Hof, der Reumannhof oder der Goethehof waren keine bloßen Mietskasernen. Viele Anlagen integrierten Waschküchen, Kindergärten, Bäder, Bibliotheken, Beratungsstellen oder Gemeinschaftsräume. Die Botschaft war architektonisch: Auch Menschen mit geringem Einkommen haben Anspruch auf Licht, Luft, Hygiene und Würde.
Damit bekam Wien eine zweite große Epoche, in der Politik massiv in Architektur übersetzt wurde. Im 19. Jahrhundert hatte die Ringstraße Institutionen monumentalisiert. Im Roten Wien wurde der Alltag monumentalisiert. Das erklärt, warum Gemeindebauten bis heute so wichtig für die Identität der Stadt sind. Sie sind nicht nur Wohnhäuser. Sie sind gebaute politische Theorie.
Finanziert wurde das Programm unter anderem durch ein eigenständiges kommunales Steuersystem, darunter die progressive Wohnbausteuer. Gleichzeitig investierte die Stadt in öffentliche Gesundheit, Kinderfürsorge und Bildung. Doch das Rote Wien existierte in einem zunehmend feindseligen politischen Umfeld.
Österreich war tief polarisiert. Sozialdemokraten, Christlichsoziale und deutschnationale Kräfte verfügten über eigene politische Milieus, Organisationen und teilweise paramilitärische Verbände. Die Stadt wurde zur sozialdemokratischen Insel in einem konservativ geprägten Land. Im Februar 1934 explodierte dieser Konflikt.
13. 1934 – Der Bürgerkrieg kommt in die Wohnhöfe
Im Februar 1934 kam es zu bewaffneten Kämpfen zwischen staatlichen Kräften und dem sozialdemokratischen Schutzbund. In Wien wurden ausgerechnet jene Gemeindebauten, die wenige Jahre zuvor als Symbole sozialer Emanzipation errichtet worden waren, zu Kampfplätzen. Der Karl-Marx-Hof wurde von Regierungstruppen beschossen. Architektur wurde nun buchstäblich politisch.
Die Sozialdemokratische Partei wurde verboten, ihre Institutionen zerschlagen. Das autoritäre Regime unter Engelbert Dollfuß und später Kurt Schuschnigg beseitigte die parlamentarische Demokratie und errichtete den austrofaschistischen Ständestaat. Die Vorstellung, Österreich könne sich zwischen Hitlerdeutschland und einem autoritären eigenen Modell behaupten, erwies sich als Illusion. Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein.
Einen Tag später war Wien eine andere Stadt. Nicht weil plötzlich alle Überzeugungen gewechselt hätten. Sondern weil ein vorhandener Antisemitismus und Nationalismus nun staatliche Gewaltmittel erhielt.
14. 1938 bis 1945 – Die Stadt der Verfolgten und der Beteiligten
Die nationalsozialistische Herrschaft gehört zu den Teilen der Wiener Geschichte, die sich am schlechtesten in das elegante Selbstbild der Stadt einfügen. Gerade deshalb ist sie zentral.
Der „Anschluss” wurde von großen Teilen der Bevölkerung begrüßt. Schon in den ersten Tagen begannen öffentliche Demütigungen und Gewalt gegen jüdische Wienerinnen und Wiener. Menschen wurden gezwungen, Straßen zu reinigen; Wohnungen, Geschäfte und Vermögen wurden „arisiert”; berufliche Existenzen zerstört. Die nationalsozialistische Politik traf eine jüdische Gemeinde, die Wien über Generationen wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell entscheidend mitgeprägt hatte.
Nach Angaben der Stadt Wien wurden rund 180.000 Wienerinnen und Wiener jüdischer Herkunft vertrieben oder ermordet. Die Novemberpogrome 1938 zerstörten nahezu das gesamte sichtbare religiöse Leben der jüdischen Stadt. Es folgten Deportationen in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager. Wien war dabei nicht nur Schauplatz einer von Berlin importierten Politik.
Wiener Behörden, Unternehmen und Bürger profitierten von Enteignung. Wiener Täter wirkten an nationalsozialistischen Verbrechen mit. Viele Wohnungen wechselten ihre Bewohner, weil die bisherigen Eigentümer oder Mieter vertrieben worden waren. Das ist eine unbequeme Form historischer Kontinuität: Verfolgung schrieb sich in Besitzverhältnisse und Biografien ein.
1938 wurde zudem „Groß-Wien” geschaffen. 97 niederösterreichische Gemeinden wurden eingemeindet; das Stadtgebiet vergrößerte sich massiv. Nach 1945 wurde ein großer Teil dieser Erweiterung wieder rückgängig gemacht, einige Gebiete blieben jedoch bei Wien. Ab 1943 traf der Luftkrieg die Stadt immer härter. Industrieanlagen, Bahnhöfe und schließlich weite Teile des Stadtgebiets wurden bombardiert. Im April 1945 wurde Wien selbst zum Schlachtfeld.
Als die Kämpfe endeten, war nicht nur ein Regime zusammengebrochen. Eine Stadt musste lernen, wie sie über ihre eigene Rolle darin sprechen wollte.
15. 1945 – Die vier Mächte und die beschädigte Stadt
Das Wien des Jahres 1945 war eine zerstörte Stadt. Mehr als ein Fünftel des Wohnungsbestandes war nach Angaben der Stadt Wien teilweise oder vollständig beschädigt; rund 87.000 Wohnungen waren unbewohnbar. Brücken, Leitungen und Verkehrsinfrastruktur lagen in Trümmern.
Zuerst erreichte die Rote Armee Wien. Später wurde die Stadt in Besatzungssektoren der Sowjetunion, der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs aufgeteilt. Der erste Bezirk wurde gemeinsam verwaltet. Damit erhielt Wien eine politische Geographie, die heute fast surreal wirkt. Ein Weg durch die Stadt konnte durch unterschiedliche Besatzungszonen führen. Die internationale Militärpatrouille der „Vier im Jeep” wurde zum Symbol dieser Zeit.
Wien war nun gleichzeitig österreichische Hauptstadt und besetzte Stadt im entstehenden Kalten Krieg. Die Nachkriegsjahre waren geprägt von Mangel, Wiederaufbau und politischer Neuordnung. Gleichzeitig entstand früh eine Erzählung Österreichs als „erstes Opfer” des Nationalsozialismus. Sie half der Zweiten Republik, nationale Identität aufzubauen, verdeckte aber über Jahrzehnte die Mitverantwortung vieler Österreicher an Verfolgung und Krieg.
Erst später verschob sich diese Erinnerungskultur deutlich. Am 15. Mai 1955 wurde im Schloss Belvedere der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet. Im Oktober verließen die letzten Besatzungstruppen das Land; am 26. Oktober beschloss Österreich seine immerwährende Neutralität. Wien war wieder Hauptstadt eines souveränen Staates. Doch die Stadt musste noch herausfinden, welche Hauptstadt sie nun sein wollte.
16. Vom ehemaligen Reichszentrum zur neutralen Stadt
Nach 1955 hätte Wien leicht zu einer schönen Randstadt Westeuropas werden können. Der Eiserne Vorhang verlief nur wenige Dutzend Kilometer östlich der Stadt. Alte wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen nach Böhmen, Mähren, Ungarn und in die Slowakei waren abrupt gekappt. Wien lag geographisch in Mitteleuropa, politisch aber am östlichen Rand des Westens. Ausgerechnet diese Lage wurde zu einer neuen Ressource.
Die österreichische Neutralität ermöglichte Wien eine Rolle als Ort internationaler Diplomatie. 1961 trafen sich John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow in Wien. Internationale Organisationen siedelten sich an. 1979 wurde das Vienna International Centre, die UNO-City, eröffnet. Die Architektur dieser Nachkriegszeit unterscheidet sich radikal vom imperialen Zentrum.
Wo die Ringstraße historische Formen zitierte, steht an der Donau ein Ensemble moderner Hochhäuser. Die Botschaft ist eine andere: Wien will nicht mehr das Zentrum eines Reiches sein, sondern Gastgeber internationaler Institutionen. Parallel modernisierte die Stadt ihre Infrastruktur.
Der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut, seit den 1970er Jahren entstand das heutige U-Bahn-Netz. Die Donau wurde durch das Projekt Neue Donau und Donauinsel erneut massiv umgestaltet. Was als Hochwasserschutz geplant war, wurde gleichzeitig zu einem der größten Freizeitbereiche der Stadt. Auch darin zeigt sich eine Wiener Tradition: Große technische Systeme werden Teil des sozialen Stadtraums.
Die Stadt der Nachkriegsjahrzehnte war weniger spektakulär als das Wien um 1900. Aber sie entwickelte jene kommunale Stabilität, die später einen wesentlichen Teil ihres internationalen Images ausmachen sollte.
17. 1989 – Die Stadt rückt wieder in die Mitte
Der Fall des Eisernen Vorhangs veränderte Wiens Geographie, ohne einen einzigen Meter Stadt zu verschieben. Plötzlich lagen Bratislava, Brno, Budapest und Prag nicht mehr jenseits einer politischen Systemgrenze. Wien befand sich nicht länger am Rand Westeuropas. Es lag wieder in der Mitte eines miteinander verbundenen Raumes.
1995 trat Österreich der Europäischen Union bei. Unternehmen nutzten Wien als Standort für Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa. Migration aus den Nachbarstaaten und später aus Südosteuropa und anderen Weltregionen veränderte die Stadt erneut. Damit kehrte in anderer Form etwas zurück, das Wien schon in der Monarchie geprägt hatte: Vielfalt durch Zuwanderung.
Natürlich ist die heutige Stadt kein wiederbelebtes Habsburgerreich. Die politischen Bedingungen sind fundamental andere. Doch kulturell und wirtschaftlich wurde sichtbar, dass Wien nie nur eine westösterreichische Hauptstadt gewesen war. Sein natürlicher Bezugsraum reicht weiter.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Stadt in den letzten Jahrzehnten wieder stark gewachsen ist. Wien überschritt erneut die Marke von zwei Millionen Einwohnern – ungefähr jene Größenordnung, die es bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg erreicht hatte. Hundert Jahre Geschichte liegen zwischen zwei ähnlichen Einwohnerzahlen. Aber es sind zwei völlig verschiedene Städte.
18. Wie man Wien lesen kann
Nach fast zwei Jahrtausenden Stadtgeschichte stellt sich eine einfache Frage: Was davon ist noch da? Erstaunlich viel. Man kann Wien als Abfolge historischer Ringe und Inseln lesen. Unter dem ersten Bezirk liegt Vindobona. Im mittelalterlichen Straßennetz lebt die Babenberger- und frühe Habsburgerstadt. Die Hofburg erzählt vom Wachstum einer Dynastie. Barocke Kirchen und Palais berichten von der Zeit nach den Osmanischen Kriegen.
Die Ringstraße zeigt die liberale, industrielle und großbürgerliche Metropole des 19. Jahrhunderts. Otto Wagners Stadtbahnstationen, die Secession und die Häuser von Adolf Loos markieren den Bruch zur Moderne. Die Gemeindebauten zeigen das sozialpolitische Projekt der Ersten Republik. Gedenkorte, Stolpersteine und Leerstellen erinnern an Verfolgung und Vernichtung. Das sowjetische Denkmal und die Nachkriegsarchitektur erzählen vom Jahr 1945 und der Besatzungszeit.
UNO-City, Donauinsel und U-Bahn gehören zum Wien der Zweiten Republik. Das Entscheidende ist, dass diese Schichten einander nicht ablösen. Sie bleiben nebeneinander bestehen.
Ein Fiaker fährt an einem Loos-Haus vorbei. Eine Straßenbahn passiert einen barocken Palast. Ein Gemeindebau steht wenige Stationen von einer kaiserlichen Residenz entfernt. In einem ehemaligen Hofstall befindet sich ein Museum für moderne Kunst. In einem kaiserlichen Jagdgebiet liegt heute ein öffentlicher Park. Wien hat seine Vergangenheit nicht abgeräumt. Es hat sie umgenutzt.
Das erzeugt jene eigentümliche Atmosphäre, die Besucher häufig als „historisch” empfinden, obwohl sie eigentlich etwas Komplexeres wahrnehmen: die Gleichzeitigkeit verschiedener Vergangenheiten.
Epilog – Die Kunst des Weiterverwendens
Vielleicht ist die wichtigste Wiener Fähigkeit nicht das Bewahren. Es ist das Weiterverwenden. Eine Stadtmauer wird zur Ringstraße. Ein kaiserliches Museum wird Museum einer Republik. Hofstallungen werden MuseumsQuartier. Ein barockes Schloss wird Ort der Unterzeichnung des Staatsvertrags. Ein Donauhochwasserschutzprojekt wird Freizeitlandschaft. Arbeiterwohnungen des Roten Wien bleiben Teil des normalen Wohnungsbestands.
Selbst die Hofburg, über Jahrhunderte Zentrum monarchischer Herrschaft, beherbergt heute unter anderem den Amtssitz des demokratisch gewählten Bundespräsidenten. Das ist mehr als Pragmatismus. Es ist eine politische Kultur des Stadtraums. Andere Metropolen haben Revolutionen erlebt, die ihre Symbole zerstörten oder durch völlig neue ersetzten. Wien hat häufig anders funktioniert. Regime verschwanden, Gebäude blieben. Neue Gesellschaften zogen in die Räume der alten ein.
Das kann problematisch sein. Denn schöne Architektur kann Gewaltgeschichte ästhetisch überdecken. Das imperiale Wien lässt sich leicht genießen, ohne über Herrschaft nachzudenken. Das Wien um 1900 lässt sich als Kulturmythos feiern, ohne seinen Antisemitismus wahrzunehmen. Die Nachkriegserzählung vom Wiederaufbau kann die Frage verdrängen, wer zuvor verfolgt und enteignet worden war. Gerade deshalb braucht Wien historische Aufmerksamkeit.
Die Stadt ist kein Freilichtmuseum einer guten alten Zeit. Sie ist ein Archiv politischer Systeme. Und vielleicht liegt darin ihre eigentliche kulturhistorische Bedeutung. Wien zeigt, wie Gesellschaften ihre Vergangenheit nicht loswerden – selbst dann nicht, wenn sie ihre Verfassungen, Grenzen und Herrscher wechseln. Man kann neue Namen an Straßen schreiben. Man kann Ministerien umorganisieren. Man kann Kaiserreiche abschaffen.
Aber eine Stadt besitzt ein längeres Gedächtnis als ihre Regierungen. Am Hohen Markt liegen noch immer römische Mauern unter den Häusern. Der Stephansdom steht noch immer im mittelalterlichen Zentrum. Die Hofburg steht noch immer dort, wo sich über Jahrhunderte Macht konzentrierte. Die Ringstraße erzählt noch immer vom Selbstbewusstsein des 19. Jahrhunderts. Die Gemeindebauten erzählen noch immer vom politischen Ehrgeiz der 1920er Jahre.
Und die Donau fließt weiter an all dem vorbei. Vielleicht ist das die beste Definition Wiens: eine Stadt, die immer wieder eine andere geworden ist, ohne jemals ganz aufzuhören, die vorherigen Städte zu sein.
Anhang – Wien in 25 Daten
ca. 97 n. Chr. – Einrichtung des römischen Legionslagers Vindobona an der Donaugrenze. 1156 – Österreich wird mit dem Privilegium Minus zum Herzogtum; Wien entwickelt sich unter den Babenbergern zur Residenzstadt. 1221 – Wien erhält bedeutende Stadtrechte und das Stapelrecht. 1278 – Rudolf I. von Habsburg besiegt Ottokar II. auf dem Marchfeld; der habsburgische Aufstieg in Österreich beginnt. 1365 – Rudolf IV. gründet die Universität Wien.
1529 – Erste osmanische Belagerung Wiens. 1683 – Zweite osmanische Belagerung; Entsatz am 12. September. 1679 / 1713 – Große Pestwellen prägen die Stadt; aus dem Gelübde von 1713 entsteht später die Karlskirche. 1781 – Joseph II. erlässt das Toleranzpatent. 1814/15 – Wiener Kongress ordnet Europa nach den Napoleonischen Kriegen neu. 1848 – Revolution in Wien; Metternich tritt zurück, die Revolution wird im Herbst niedergeschlagen.
1850 – Eingemeindung der Vorstädte. 1857 – Franz Joseph ordnet den Abbruch der Befestigungen und die Anlage der Ringstraße an. 1867 – Österreichisch-Ungarischer Ausgleich; Wien bleibt kaiserliche Residenz und Hauptstadt der österreichischen Reichshälfte. 1873 – Wiener Weltausstellung und Börsenkrach. 1897 – Gründung der Wiener Secession. 1914 – Beginn des Ersten Weltkriegs.
1918 – Ende der Habsburgermonarchie; Ausrufung der Republik Deutschösterreich. 1919–1934 – Epoche des Roten Wien. 1934 – Februarkämpfe und Ausschaltung der Sozialdemokratie; autoritärer Ständestaat. 1938 – „Anschluss” an das nationalsozialistische Deutsche Reich; Beginn systematischer Verfolgung und Enteignung der jüdischen Wiener Bevölkerung. 1945 – Schlacht um Wien, Ende der NS-Herrschaft; Wien wird Viersektorenstadt der Alliierten.
1955 – Staatsvertrag und Ende der Besatzungszeit; Neutralitätsbeschluss. 1979 – Eröffnung des Vienna International Centre, der UNO-City. 1989 / 1995 – Fall des Eisernen Vorhangs; Österreich tritt 1995 der Europäischen Union bei.
Quellen und weiterführende Hinweise
Dieser Überblick verdichtet historische Forschung und öffentlich zugängliche Dokumentation, ohne den Anspruch einer wissenschaftlichen Monografie. Für Daten und Eckpunkte wurden insbesondere offizielle und institutionelle Quellen herangezogen. Stadt Wien – Stadtgeschichte
Portal zur Wiener Stadtgeschichte, Stadtarchäologie, historischen Karten und zum Wien Geschichte Wiki.
https://www.wien.gv.at/kultur/geschichte
Wien Museum / Wien.info – Römermuseum
Zum Legionslager Vindobona und dem römischen Wien.
https://www.wien.info/de/sehen-erleben/sehenswuerdigkeiten-a-z/roemermuseum-356890 Wien.info – Auf den Spuren der Habsburger
Über Hofburg, Stephansdom und die habsburgische Residenzlandschaft.
https://www.wien.info/de/kunst-kultur/imperiales/spuren-habsburger-359620
Stadt Wien – Managementplan UNESCO-Welterbe Historisches Zentrum von Wien
Zur Entwicklung der Ringstraße und der Stadtgestalt des 19. Jahrhunderts.
https://www.wien.gv.at/pdf/ma18/welterbe-managementplan.pdf Wien Museum – Das Rote Wien
Zur politischen und sozialen Geschichte Wiens 1919–1934.
https://www.wienmuseum.at/das_rote_wien
Stadt Wien – Das Rote Wien in Zahlen 1919–1934
Statistische Dokumentation der kommunalen Reformpolitik.
https://www.wien.gv.at/statistik/broschuere-rotes-wien Stadt Wien – Vienna under the Nazi Regime
Zur nationalsozialistischen Herrschaft, Verfolgung und Stadtentwicklung 1938–1945.
https://www.wien.gv.at/en/education/history-nazi-regime
Stadt Wien – The Allied Forces in Vienna
Zur Besatzungszeit, den vier Sektoren und dem Wiederaufbau 1945–1955.
https://www.wien.gv.at/en/education/history-reconstruction-1945-1955 Wien Museum / Wien.info – Wiener Moderne
Zur kulturellen und intellektuellen Konstellation Wiens um 1900.
https://moderne.wien.info/de/articles/the-protagonists Stand der Recherche: September 2026.