Wiener Staatsoper · Wien · Musik, Kaiserzeit, Zeitgeschichte

Das Haus am Ring

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Ein feuilletonistisches Dossier über die Wiener Staatsoper

Es gibt Gebäude, die man betritt, und Gebäude, in die man hineingerät wie in eine Vorstellung. Die Wiener Staatsoper gehört zur zweiten Sorte. Schon draußen beginnt das Theater.

Straßenbahnen ziehen über den Opernring. Auf der anderen Seite steht das Hotel Sacher, ein paar Schritte weiter die Albertina. Fiaker warten, Reisegruppen sammeln sich, Menschen eilen zur Kärntner Straße. Und mitten in diesem Strom liegt ein Gebäude, das zugleich schwer und beweglich wirkt: Arkaden, Rundbögen, Loggien, Skulpturen, Dächer, Türme, ein ganzes Ensemble aus Stein, das sich sichtbar darum bemüht, nicht nur ein Haus zu sein, sondern eine Behauptung.

Diese Behauptung lautet: Musiktheater ist eine öffentliche Angelegenheit. Das war 1869 keineswegs selbstverständlich. Die Oper war aus der höfischen Welt gekommen. Sie gehörte zu Zeremoniell, Dynastie, Repräsentation. Nun stand sie an einer neuen Straße, der Ringstraße, die Wien vom befestigten Residenzzentrum zur modernen Metropole verwandeln sollte. Die Oper rückte an die Öffentlichkeit. Sie blieb kaiserlich, aber sie wurde städtisch sichtbar.

Heute heißt sie Wiener Staatsoper. Sie ist Bühne, Denkmal, Arbeitsstätte, Touristenmagnet, Repertoiremaschine und politisches Symbol. Und sie ist ein merkwürdiges architektonisches Doppelwesen: Ein Teil des Hauses stammt sichtbar aus dem 19. Jahrhundert, ein anderer aus den 1950er-Jahren. Dazwischen liegt der 12. März 1945.

Wer die Staatsoper verstehen will, sollte deshalb nicht nur auf die Bühne schauen. Man muss Treppen lesen, Fresken betrachten, Fassaden abgehen, in Pausensälen stehen und sich fragen, warum ein Raum ausgerechnet so und nicht anders aussieht.


1. Bevor die Oper hier stand

Die Wiener Staatsoper ist ein Kind einer Stadt, die ihre Mauern verlor. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war Wien noch immer von Befestigungsanlagen umgeben. Die innere Stadt lag innerhalb eines militärischen Rings aus Mauern, Basteien und dem davorliegenden Glacis. Diese Struktur war lange Verteidigung gewesen. Im Zeitalter moderner Artillerie und einer rasch wachsenden Stadt wurde sie zunehmend zum Hindernis.

1857 verfügte Kaiser Franz Joseph den Abbruch der Befestigungen und die Anlage der Ringstraße. Das war weit mehr als ein Verkehrsprojekt. Auf dem frei werdenden Gelände entstand eine politische Architektur der Monarchie: Parlament, Rathaus, Universität, Museen, Burgtheater, Neue Hofburg – und die neue Hofoper.

Die Ringstraße war ein Bühnenraum der Gesellschaft. Auf ihr begegneten sich kaiserliche Repräsentation und selbstbewusstes Großbürgertum. Aristokraten und Unternehmer bauten Palais, der Staat errichtete Monumentalbauten. Architektur wurde zu einer Sprache, in der sich Macht, Bildung und gesellschaftlicher Rang ausdrücken ließen.

Die Oper erhielt dabei einen besonders prominenten Platz. Wer vom Kärntnertor aus der inneren Stadt kam, sollte hier auf einen großen öffentlichen Kulturbau treffen. Dass ausgerechnet dieses Gebäude später als zu niedrig und gedrungen verspottet werden würde, gehört zu den bitteren Ironien seiner Geschichte.


2. Zwei Architekten und eine „versunkene Kiste”

Für die neue Hofoper wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben. Unter 35 Entwürfen setzte sich das Konzept der Wiener Architekten August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll durch. Sicardsburg war stärker für die architektonische Gesamtanlage zuständig, van der Nüll vor allem für die dekorative und künstlerische Ausgestaltung – eine Trennung, die in der Praxis natürlich nie vollkommen sauber war.

1861 begann die Baugeschichte, 1863 wurde der Grundstein gelegt, 1869 war das Haus fertig.

Der Stil war historistisch, genauer: stark von der Renaissance geprägt. Das entsprach der Logik der Ringstraße. Historismus bedeutete nicht, dass Architekten keine eigenen Ideen hatten. Es bedeutete vielmehr, dass sie historische Formen als kulturelles Vokabular verwendeten. Für Theater und Oper eignete sich die Renaissance besonders gut: Sie stand für Humanismus, höfische Kultur, die Wiederentdeckung der Antike – und damit für jene europäische Hochkultur, in deren Tradition sich das Haus stellen wollte.

Doch die Baustelle geriet früh in Schwierigkeiten. Während der Errichtung wurde das Niveau der Ringstraße angehoben. Dadurch wirkte der Bau plötzlich tiefer liegend, als ursprünglich beabsichtigt. Die Auffahrtsrampen erschienen zu kurz, das Gebäude gedrungen. Die Wiener Öffentlichkeit, deren Fähigkeit zur liebevollen Grausamkeit bis heute nicht unterschätzt werden sollte, fand rasch Bezeichnungen wie „versunkene Kiste”. Die Kritik wurde persönlich.

Eduard van der Nüll, psychisch schwer belastet und vermutlich auch körperlich erkrankt, nahm sich 1868 das Leben. August Sicard von Sicardsburg starb wenige Wochen später an einem Schlaganfall. Beide erlebten die Eröffnung ihres Hauses nicht mehr.

Die Geschichte wurde später gern auf einen einzigen kausalen Satz verkürzt: Die Kritik habe van der Nüll in den Tod getrieben. So einfach ist es nicht. Gerade deshalb ist es sinnvoll, die Legende nicht völlig zu verwerfen, aber auch nicht zur sicheren Diagnose zu machen. Sicher ist: Die öffentliche Demütigung traf einen bereits schwer belasteten Menschen in einer extrem empfindlichen Phase.

Fundort: die Erinnerung an die Architekten

Wo: Im Inneren, auf dem ersten Absatz der Feststiege, seitlich des zentralen Zugangs zu den Parterrelogen.

Dort befinden sich zwei Porträtmedaillons von Sicardsburg und van der Nüll, gestaltet von Josef Cesar. Darüber liegen Hochreliefs Johann Preleuthners, die Oper und Ballett symbolisieren. Das ist ein bemerkenswerter Ort für diese Porträts. Die Männer, die die Eröffnung nicht erlebten, beobachten gewissermaßen jeden festlichen Aufstieg ins Haus.


3. 25. Mai 1869: Mozart eröffnet die neue Welt

Am 25. Mai 1869 wurde die k.k. Hofoper eröffnet. Auf dem Programm stand Mozarts Don Giovanni – damals auf Deutsch gespielt. Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth nahmen an der Eröffnung teil. Die Wahl Mozarts war programmatisch. Wien präsentierte keinen modischen Überraschungserfolg, sondern einen Komponisten, der bereits zum kulturellen Besitz der Stadt und der Monarchie geworden war. Der neue Bau sollte nicht bloß Unterhaltung bieten. Er sollte Kanon herstellen.

Das ist bis heute ein Kennzeichen der Wiener Staatsoper: Sie funktioniert anders als ein Haus, das in jeder Saison fast ausschließlich neue Produktionen zeigt. Ihre Identität beruht stark auf dem Repertoire. Werke kehren zurück, Inszenierungen bleiben teilweise jahrelang erhalten, Sängerinnen und Sänger wechseln, Dirigenten verändern Perspektiven, und dennoch bleibt die Vorstellung eingebettet in ein fortlaufendes institutionelles Gedächtnis. Das Haus spielt nicht nur Opern.

Es erinnert sich an sie.


4. Der erste Blick: die Ringstraßenfassade

Bevor man die Oper betritt, sollte man sie einmal bewusst von der gegenüberliegenden Seite des Opernrings ansehen. Von hier erschließt sich die historische Hauptfassade am besten.

Sie ist in einem Renaissance-Bogenstil gestaltet. Die Arkaden im Erdgeschoss und die darüberliegende Loggia geben dem Gebäude eine eigentümliche Offenheit. Anders als eine geschlossene Palastfassade wirkt die Front durchlässig. Bögen, Durchblicke und vorgelagerte Räume vermitteln zwischen Straße und Innenraum. Gerade diese Loggia war programmatisch: Die Oper sollte sich zur Ringstraße zeigen.

Der Bau besteht aus zwei deutlich lesbaren Bereichen. Der schmalere Vorderteil enthält die für das Publikum bestimmten Räume und den Zuschauerraum; dahinter wächst das wesentlich breitere Bühnenhaus auf. Bereits von außen kann man also erkennen, dass ein Operngebäude eigentlich zwei Häuser in einem ist: vorne Repräsentation, hinten Maschine.

Fundort: die Pegasusgruppen

Wo: Hoch über der Hauptfassade, auf der Ringstraßenseite über der Loggia.

Dort stehen zwei geflügelte Pferdegruppen des Dresdner Bildhauers Ernst Julius Hähnel. Sie wurden 1876 aufgestellt, also einige Jahre nach der Eröffnung. Geführt werden die Pegasi von allegorischen weiblichen Figuren – Harmonie und Erato, der Muse der Liebes- und Dichtungskunst.

Der Pegasus ist für ein Opernhaus beinahe zu passend: ein Tier, das die Schwerkraft verweigert. Genau das versucht auch die Oper jeden Abend – Material, Körper, Holz, Farbe, Text und Technik sollen sich in etwas verwandeln, das für einige Stunden schwerelos erscheint.

Fundort: die fünf Bronzefiguren der Loggia

Wo: In den fünf Arkadenbögen der großen Loggia an der Ringstraßenfront.

Ebenfalls von Hähnel stammen die Figuren Heroismus, Melpomene, Phantasie, Thalia und Liebe. Melpomene und Thalia sind die antiken Musen der Tragödie und der Komödie. Dazwischen stehen keine Komponisten, sondern Prinzipien des Theaters. Das ist aufschlussreich: Die Fassade feiert weniger konkrete Personen als die Kräfte, aus denen Theater entstehen soll.

Fundort: die beiden Brunnen

Wo: Links und rechts der Oper an den Seiten des Gebäudes.

Die Brunnenanlagen stammen von Josef Gasser und bilden zwei gegensätzliche Welten. Auf der einen Seite: Musik, Tanz, Freude und Leichtsinn. Auf der anderen: Loreley, Trauer, Liebe und Rache. Man könnte darin ein Kurzprogramm der Oper sehen. Der eine Abend endet in Champagner, der nächste mit Mord, Fluch und Untergang. Komödie und Katastrophe gehören zur selben Kunstform.


5. Das Vestibül: der Übergang vom Alltag zum Ritual

Wer durch die Hauptfront eintritt, gelangt in das Kassenvestibül und den historischen Eingangsbereich. Dieser Teil des Hauses gehört zu den original erhaltenen Bereichen von 1869. Das ist wichtig, weil man hier noch unmittelbar die Dramaturgie des ursprünglichen Gebäudes erlebt. Ein Opernbesuch war im 19. Jahrhundert keine reine Bewegung von der Straße zum Sitzplatz. Er war eine soziale Choreografie. Mantel abgeben. Ankommen. Gesehen werden. Treppen steigen. Begegnen.

In die Loge treten. Das Publikum selbst war ein Teil der Aufführung. Deshalb ist das Foyer eines historischen Opernhauses nie bloß Verkehrsfläche. Es ist eine Bühne vor der Bühne.

Fundort

Wo: Unmittelbar hinter den Haupteingängen an der Ringstraßenfront.

Wer an einer Führung teilnimmt, beginnt hier meist den Weg durch den historischen Kern des Hauses.


6. Die Feststiege: das eigentliche Vorspiel

Die Feststiege ist einer der bedeutendsten erhaltenen Räume der alten Hofoper. Hier wird aus Bewegung Inszenierung. Stiegen in solchen Häusern haben eine doppelte Funktion. Sie müssen Menschen von einem Geschoss in ein anderes bringen. Gleichzeitig sollen sie verhindern, dass dieser Vorgang wie bloßer Transport aussieht.

Deshalb weitet sich der Raum. Blickachsen entstehen. Skulpturen begleiten den Aufstieg. Gemälde besetzen Wände und Decken. Die Architektur zwingt den Besucher beinahe, langsamer zu werden.

Fundort: „Fortuna, ihre Gaben streuend”

Wo: An der Decke des Treppenhauses der Feststiege.

Das Deckengemälde geht auf Franz Dobiaschofsky zurück. Fortuna verteilt ihre Gaben – eine passende Allegorie für ein Haus, in dem Erfolg, Ruhm und Karriere oft ebenso unberechenbar waren wie die Gunst einer Göttin.

Fundort: Ballett, komische und tragische Oper

Wo: In den Rundbögen des Treppenhauses.

Drei große Wandgemälde von Dobiaschofsky stellen Ballett, komische Oper und tragische Oper dar. Die Oper erklärt an dieser Stelle gewissermaßen sich selbst. Noch bevor man eine konkrete Aufführung gesehen hat, begegnet man ihren Gattungen als allegorischen Figuren.

Fundort: die sieben freien Künste

Wo: Entlang der Feststiege und im Treppenraum.

Josef Gassers sieben allegorische Statuen stehen für Baukunst, Bildhauerei, Dichtkunst, Tanz, Tonkunst, Schauspiel und Malerei. Das ist eine der klügsten ikonografischen Aussagen des Gebäudes. Oper erscheint hier nicht als Musik plus Gesang. Sie ist das Zusammentreffen vieler Künste. Architektur schafft den Raum, Dichtung liefert Sprache, Musik strukturiert Zeit, Schauspiel und Tanz geben Körper, Malerei und Bildhauerei formen die sichtbare Welt.

Das 19. Jahrhundert kannte den Begriff des Gesamtkunstwerks. Die Feststiege macht ihn sichtbar, bevor überhaupt jemand diesen Gedanken erklären muss.


7. Der Teesalon: ein kleines Stück Kaiserreich

Der vielleicht intimste historische Raum der Staatsoper liegt im ersten Stock zwischen Feststiege und der früheren Hoffestloge, der heutigen Mittelloge. Der heutige Teesalon war ursprünglich der Salon des Kaisers. Hier konnte Franz Joseph sich während einer Aufführung zurückziehen, Gäste empfangen oder eine Pause verbringen, ohne sich in die öffentlichen Foyers zu begeben.

Der Raum ist ein fast vollständig erhaltenes Beispiel jener kunstgewerblichen Opulenz, die den Historismus auszeichnete. Goldgelbe Seide bedeckt die Wände. 22-karätiges Blattgold zieht sich über Dekorationen. Selbst die Türgriffe wurden aus Elfenbein gefertigt. Initialen Franz Josephs und Elisabeths verweisen auf die ursprünglichen Benutzer. Der Raum wurde von Josef von Storck im Stil eines Zweiten Rokoko entworfen.

Man sollte sich hier klarmachen, wie verschieden ein und dasselbe Opernhaus gesellschaftlich funktionierte. Nur wenige Meter entfernt wandelte das Bürgertum im Promenadenfoyer. Hier aber existierte eine eigene kaiserliche Sphäre. Das Haus war öffentlich – und blieb dennoch hierarchisch organisiert.

Fundort: „Die Musik auf Adlerschwingen”

Wo: An der Decke des Teesalons.

Das Gemälde von Carl Madjera zeigt die Musik als weibliche Allegorie. Um sie gruppieren sich weitere Künste. Besonders reizvoll ist ein kleines Architektur-Putto, das die Pläne der Staatsoper hält. Das Gebäude nimmt sich damit selbst in sein Bildprogramm auf.

Fundort: die kaiserlichen Monogramme

Wo: Auf den Wandbespannungen, über dem Kaminspiegel sowie an verschiedenen Türen und Fenstern des Teesalons.

Hier lassen sich die Initialen und Zeichen Franz Josephs beziehungsweise des Kaiserpaares entdecken.

Besuchshinweis

Der Teesalon ist normalerweise kein frei zugänglicher Pausenraum. Er ist am zuverlässigsten im Rahmen bestimmter Führungen beziehungsweise bei besonderen Veranstaltungen zu sehen.


8. Das Schwindfoyer: Opern schauen, bevor man Oper schaut

Das Schwindfoyer gehört zu den wichtigsten künstlerischen Räumen des Hauses. Es wurde nach Moritz von Schwind benannt, einem der bedeutenden Maler des romantischen Historismus. Der Raum überstand die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und gehört damit zum originalen Bestand von 1869. Ursprünglich hieß er Promenadensaal.

Der Name verrät seine soziale Funktion. Hier machte man Pause, aber man pausierte nicht im modernen Sinn. Man promenierte. Man ging. Man begegnete. Man sah und wurde gesehen. Die Architektur ist reich mit Blattgold versehen. Bemerkenswert ist die Decke, in deren Gewölbe gotisch wirkende Spitzkappen die strengere Renaissanceordnung brechen. Genau diese Mischung wurde den Architekten einst vorgeworfen. Heute macht sie einen Teil des Reizes aus.

Fundort: Schwinds Opernszenen

Wo: In den Lünetten und Wandfeldern des Schwindfoyers.

Moritz von Schwind malte Szenen aus bekannten Opern, darunter Motive aus Webers Freischütz und Mozarts Le nozze di Figaro. Insgesamt bildet die malerische Ausstattung eine Galerie des damaligen Opernkanons. Besonders interessant ist eine Szene, bei der Kaiser Franz Joseph selbst Einfluss nahm. Für eine Lünette war ursprünglich ein Motiv aus Bellinis Norma vorgesehen. Der Kaiser wünschte stattdessen eine Szene aus Dittersdorfs Doktor und Apotheker.

Selbst die ikonografische Ausstattung eines Foyers konnte also Gegenstand höchster Intervention sein.

Fundort: die Komponistenbüsten

Wo: Hoch an den Wänden des Schwindfoyers.

Büsten bedeutender Komponisten begleiten den Saal. Sie verwandeln den Raum in eine Art Pantheon der Operngeschichte. Heute ergänzen Büsten großer dirigierender Direktoren – darunter Gustav Mahler, Richard Strauss, Herbert von Karajan und Karl Böhm – diese historische Erinnerung.


9. Die Schwindloggia: das Haus schaut auf die Stadt

Vom Schwindfoyer führen Durchgänge in die Loggia an der Ringstraßenfront. Hier verändert sich die Richtung des Blicks. Im Foyer schaut man auf Kunst. In der Loggia schaut das Opernhaus hinaus nach Wien. Architektonisch ist das entscheidend. Die Loggia macht die Grenze zwischen Innen und Außen durchlässig. Der Opernbesucher bleibt Teil der Stadt, auch wenn er sich bereits im repräsentativen Raum des Hauses befindet.

Fundort: Die Zauberflöte

Wo: In den Fresken und Lünetten der Schwindloggia.

Hier finden sich Szenen aus Mozarts Zauberflöte: Tamino, Pamina, Papageno und Papagena treten auf. Auch Tiere bevölkern die Bildwelt. Ein besonders charmantes Detail ist eine Darstellung des jungen Mozart bei Maria Theresia. Damit verschränken sich Mythos, Musikgeschichte und Habsburger Erinnerung an einem einzigen Ort.

Fundort

Wo: Erste Etage, direkt an das Schwindfoyer anschließend, zur Ringstraße hin.

In der warmen Jahreszeit ist der räumliche Charakter als offene Loggia besonders gut nachvollziehbar; in der kühlen Jahreszeit ist sie verglast.


10. Ein Mann verändert das Opernhaus: Gustav Mahler

1897 übernahm Gustav Mahler die Direktion der Wiener Hofoper. Seine zehnjährige Amtszeit gehört zu den entscheidenden Perioden des Hauses. Mahler verstand Oper nicht als luxuriös ausgestattetes Konzert mit Kostümen. Musik, Inszenierung, Bühnenbild, Licht und Darstellung sollten eine Einheit bilden. Er verschärfte Probenstandards, griff in szenische Abläufe ein und arbeitete mit Künstlern wie Alfred Roller an einer Reform der Bühnenästhetik.

Der Zuschauerraum wurde während der Aufführung verdunkelt – heute selbstverständlich, damals eine Veränderung der sozialen Ordnung. Wer im Dunkeln sitzt, kann weniger gut beobachten, wer in welcher Loge angekommen ist. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von der Gesellschaft zur Bühne. Das klingt banal. Es ist eine kleine Revolution. Die Oper wurde unter Mahler stärker zum Kunstwerk und etwas weniger zum Salon.

Fundort: Gustav-Mahler-Saal

Wo: Im ersten Stock, rechts der zentralen Treppenanlage beziehungsweise entlang der Kärntner-Straßen-Seite des Hauses.

Der heutige Gustav-Mahler-Saal gehört allerdings nicht in seiner Gestaltung zur Mahlerzeit. Er ist ein Produkt des Wiederaufbaus nach 1945 und hieß lange Gobelinsaal. 1997 wurde er anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Mahlers Beginn an der Hofoper nach ihm benannt. Gerade darin liegt eine schöne Ironie: Das Haus erinnert an seinen großen Modernisierer in einem Raum, der selbst vom österreichischen Nachkriegsstil geprägt ist.


11. Der Gustav-Mahler-Saal und seine problematische Schönheit

Der Gustav-Mahler-Saal gehört zu den interessantesten Räumen der Staatsoper, weil sich in ihm ästhetische und politische Geschichte überlagern. An seinen Wänden hängen 13 große Gobelins mit Motiven aus Mozarts Zauberflöte. Zusammen bilden sie rund 171 Quadratmeter textile Bildfläche. Königin der Nacht, Tamino, Pamina, Papageno und Papagena erscheinen in einer vegetabilen, märchenhaften Welt.

Die Teppiche wurden nach Entwürfen Rudolf Hermann Eisenmengers von der Wiener Gobelinmanufaktur hergestellt. Und damit öffnet sich ein schwierigeres Kapitel. Eisenmenger war in der NS-Zeit ein prominent eingebundener Künstler, NSDAP-Mitglied und Präsident des Wiener Künstlerhauses. Dennoch erhielt er nach dem Krieg wieder große öffentliche Aufträge. Auch das ursprüngliche Bild auf dem Eisernen Vorhang der wiederaufgebauten Staatsoper stammt von ihm.

Der Gustav-Mahler-Saal zeigt deshalb exemplarisch, dass „Wiederaufbau” nicht automatisch „Neuanfang” bedeutete. Österreich rekonstruierte nach 1945 Gebäude, Institutionen und kulturelle Identitäten – und übernahm dabei zugleich personelle und ästhetische Kontinuitäten aus der Zeit davor. Das macht den Raum nicht weniger sehenswert. Es macht ihn historisch interessanter.

Fundort

Wo: Erster Stock, auf der rechten Seite der Feststiege in Richtung Kärntner Straße.

Achte besonders auf die großen textilen Wandfelder mit den Zauberflöten-Motiven.


12. 1938: Wenn eine Kulturinstitution nicht unschuldig bleibt

Die Staatsoper erzählt gern von Mozart, Mahler, Strauss und Karajan. Doch eine Institution, die über 150 Jahre existiert, besitzt keine ausschließlich glanzvolle Biografie.

Nach dem „Anschluss” Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 griff die rassistische und politische Verfolgung unmittelbar in den Betrieb ein. Jüdische und politisch unerwünschte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden entlassen, beurlaubt, vertrieben. Künstlerkarrieren wurden zerstört, Menschen zur Flucht gezwungen oder später ermordet. Die Oper spielte weiter. Gerade darin liegt das Unbequeme.

Kultur kann gleichzeitig höchste ästhetische Leistungen hervorbringen und Teil eines verbrecherischen politischen Systems sein. Der Klang eines Orchesters schützt eine Institution nicht vor moralischer Verstrickung. Diese Einsicht ist für die Staatsoper besonders wichtig, weil sie nach 1945 zu einem Symbol des „anderen”, wiederauferstandenen Österreich wurde. Zwischen beiden Bildern liegt ein Spannungsverhältnis, das sich nicht auflösen lässt. Man sollte es aushalten.


13. 12. März 1945

Am 12. März 1945 trafen Bomben die Wiener Staatsoper. Große Teile des Hauses brannten aus. Das Feuer konnte erst nach etwa 24 Stunden gelöscht werden. Bühne, Werkstätten und Zuschauerraum wurden zerstört. Erhalten blieben vor allem die historische Hauptfront, das Vestibül, die zentrale Treppenanlage, das Schwindfoyer mit Loggia und der Teesalon. Das erklärt eine Erfahrung, die Besucher heute häufig machen, ohne sie zunächst zu verstehen.

Man steigt durch einen üppigen Raum des 19. Jahrhunderts – und gelangt plötzlich in eine deutlich zurückhaltendere Architektur. Das ist kein stilistisches Versehen. Es ist eine Brandkante der Geschichte.

Fundort: eigentlich überall

Wo: Der Übergang zwischen Feststiege/Schwindfoyer und den nach 1945 erneuerten Bereichen.

Versuche bei einem Rundgang bewusst darauf zu achten, wann der opulente Historismus von 1869 in die ruhigere Formensprache der 1950er-Jahre übergeht. Dieser Wechsel gehört zu den wichtigsten architektonischen „Exponaten” des Hauses, obwohl er kein einzelnes Kunstwerk ist.


14. Zehn Jahre ohne Haus

Die Staatsoper war zerstört. Die Institution aber spielte erstaunlich schnell weiter. Bereits am 1. Mai 1945 wurde in der Volksoper Mozarts Le nozze di Figaro aufgeführt. Im Oktober eröffnete die Staatsoper das eilig restaurierte Theater an der Wien mit Beethovens Fidelio als weiteres Ausweichquartier. Zehn Jahre dauerte diese Zwischenzeit. Parallel wurde am Ring wiederaufgebaut. Dabei stellte sich eine grundlegende Frage: Was bedeutet Wiederaufbau eigentlich?

Eine exakte Rekonstruktion des alten Zuschauerraums? Ein völlig modernes Theater? Oder eine Verbindung aus historischem Rahmen und zeitgenössischer Architektur? Man entschied sich im Wesentlichen für die dritte Möglichkeit. Das Ergebnis ist die Staatsoper, die man heute sieht.


15. Der Große Saal: 1955 verkleidet sich nicht als 1869

Der Zuschauerraum ist das Herz der Oper – und er ist nicht der originale Raum des 19. Jahrhunderts. Nach dem Krieg entwarf Erich Boltenstern einen neuen Saal. Das traditionelle hufeisenförmige Grundprinzip wurde beibehalten, doch die Architektur vereinfacht und sicherheitstechnisch modernisiert. Dunkelrot, Gold und Elfenbein bestimmen den Raum.

Auf den ersten Blick wirkt er „klassisch”. Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch die Zurückhaltung der 1950er-Jahre. Ornamente sind kontrollierter, Flächen ruhiger, Linien klarer als in den erhaltenen historischen Foyers. Das ist kulturhistorisch bedeutsam. Man hätte den alten Saal als historische Kulisse rekonstruieren können. Stattdessen ließ man die Gegenwart des Wiederaufbaus sichtbar bleiben. Die Staatsoper behauptet dadurch zwei Zeiten zugleich: 1869 und 1955.

Fundort

Wo: Der zentrale Zuschauerraum der Hauptbühne.

Am besten lässt sich seine Architektur von einem mittleren Rang oder vom Parkett aus erfassen. Von dort sieht man die hufeisenförmige Staffelung der Ränge und Logen besonders gut.


16. Der Eiserne Vorhang: die Bühne wird zum Museum

Zwischen Zuschauerraum und Bühne befindet sich die große Brandschutzwand – der „Eiserne Vorhang”. Solche Schutzvorrichtungen wurden nach den verheerenden Theaterbränden des 19. Jahrhunderts zum zentralen Sicherheitsinstrument. Sie können Bühne und Zuschauerraum im Brandfall voneinander trennen. In Wien ist daraus seit 1998 zusätzlich eine Ausstellungsfläche geworden.

Das Projekt Eiserner Vorhang von museum in progress bespielt die rund 176 Quadratmeter große Fläche regelmäßig mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Zu den bisherigen Namen gehören unter anderem Kara Walker, Cy Twombly, David Hockney, Maria Lassnig, Jeff Koons, Anselm Kiefer und Pipilotti Rist. Damit passiert etwas ausgesprochen Kluges.

Eine Institution, die leicht zum Tempel ihrer eigenen Tradition werden könnte, setzt mitten in ihr historisches Zentrum jedes Jahr ein Werk der Gegenwart. Wenn der Bühnenvorhang geschlossen ist, wird der Zuschauerraum für einen Moment zum Museum.

Hinweis zur jeweiligen Gestaltung

Das Motiv wechselt saisonal. Deshalb ist der Eiserne Vorhang ein Kunstwerk mit wechselnder Identität. Wer vor Ort ist, sollte prüfen, welches Werk in der aktuellen Spielzeit gezeigt wird.

Fundort

Wo: Direkt vor der Hauptbühne, sichtbar aus dem Zuschauerraum, solange der Brandschutzvorhang geschlossen ist.


17. Der Marmorsaal: Europa in Stein

Zu den nach dem Krieg neu gestalteten Pausenräumen gehört der Marmorsaal. Er befindet sich an jener Stelle, an der ursprünglich ein prunkvoller Kaisersaal lag. Der Architekt Otto Prossinger wählte für den Wiederaufbau eine bewusst sachlichere Sprache. Unterschiedliche Marmorsorten aus europäischen Ländern wurden miteinander kombiniert – eine symbolische Idee, die im Kontext der 1950er-Jahre kaum zufällig wirkt.

Nach Nationalismus, Krieg und Zerstörung erscheint Europa hier nicht als Kaiserreich, sondern als Zusammensetzung unterschiedlicher Materialien. Der Bildhauer Heinz Leinfellner schuf Marmorintarsien; die Kristallleuchter stammen von Bakalowits. Man könnte diesen Raum als eine kleine architektonische Selbstbeschreibung der Zweiten Republik lesen: traditionsbewusst, repräsentativ, aber weniger imperial; europäisch, aber österreichisch verankert.

Fundort

Wo: Im ersten Stock in der Folge der Pausensäle; üblicher Bestandteil der offiziellen Führung.

Achte auf den Kontrast zum historischen Schwindfoyer. Er ist wichtiger als jedes einzelne Dekorationselement.


18. 5. November 1955: Fidelio und die Erfindung eines Neubeginns

Am 5. November 1955 wurde die wiederaufgebaute Staatsoper eröffnet. Gespielt wurde Beethovens Fidelio unter Karl Böhm. Die Wahl war hochsymbolisch. Fidelio erzählt von Unrecht, Gefangenschaft und Befreiung. Nur wenige Monate zuvor war mit dem Staatsvertrag die alliierte Besatzungszeit Österreichs zu Ende gegangen. Die Oper wurde zum nationalen Ereignis.

Rundfunkstationen übertrugen in zahlreiche Länder, auch das junge österreichische Fernsehen spielte eine wichtige Rolle. Menschen versammelten sich vor Lautsprechern, in Lokalen und vor Fernsehgeräten. Das wiedererrichtete Opernhaus wurde zu einem Symbol der wiedererstandenen Republik. Doch die Symbolik hatte blinde Flecken.

Karl Böhm, der die Wiedereröffnung dirigierte und Direktor wurde, war zugleich der letzte Direktor des Hauses in der NS-Zeit gewesen. Auch andere personelle Kontinuitäten wurden lange kaum thematisiert. Der Satz „Neubeginn” beschreibt deshalb nur einen Teil der Wahrheit. 1955 war Neubeginn und Fortsetzung zugleich. Gerade das macht die Staatsoper zu einem so aufschlussreichen österreichischen Erinnerungsort.


19. Die Bühne: hinter dem Ornament beginnt die Industrie

Ein Opernhaus ist vorne Palast und hinten Fabrik. Das gilt für die Wiener Staatsoper in besonderem Maße. Hinter dem Zuschauerraum beginnt eine technische Welt aus Bühnenzügen, Beleuchtung, Kulissen, Werkstätten, Lagern, Garderoben und Transportwegen. Jeden Abend muss aus dieser Infrastruktur eine andere Welt entstehen können. Heute Verdis Ägypten. Morgen Mozarts Sevilla. Übermorgen Wagners mythischer Kosmos.

Das Repertoiresystem der Staatsoper verlangt eine enorme logistische Präzision. Produktionen wechseln häufig in sehr kurzer Folge. Bühnenbilder müssen abgebaut, eingelagert, vorbereitet und neu eingerichtet werden. Das Publikum erlebt Illusion. Der Betrieb dahinter ist Prozessmanagement. Gerade dieser Gegensatz gehört zur Faszination des Hauses. Nirgendwo wird deutlicher, dass Kunst nicht nur Inspiration, sondern Organisation benötigt.

Fundort

Wo: Hinter dem Zuschauerraum im breiteren hinteren Gebäudeteil. Teile davon sind nur im Rahmen von Führungen beziehungsweise speziellen Backstage-Angeboten zugänglich.

Von außen lässt sich das größere Volumen des Bühnenhauses besonders gut von den Seiten und von der Rückseite erkennen.


20. Die Oper als gesellschaftliche Maschine

Die Wiener Staatsoper ist nicht nur ein Ort, an dem Kunst dargeboten wird. Sie erzeugt Gesellschaft. Das war bereits im 19. Jahrhundert so. Logen waren soziale Räume. Plätze signalisierten Rang. Wer erschien, mit wem jemand erschien und wer wen in der Pause sprach, konnte ebenso wichtig sein wie das Werk auf der Bühne. Heute ist die Gesellschaft demokratischer, aber die soziale Dimension ist nicht verschwunden.

Der Opernball macht sie einmal im Jahr besonders sichtbar. Das Parkett des Zuschauerraums wird auf Bühnenhöhe angehoben und verwandelt sich in eine große Tanzfläche. Aus dem Opernhaus wird für eine Nacht wieder jener gesellschaftliche Repräsentationsraum, der in seiner Architektur von Anfang an angelegt war. Gleichzeitig existiert eine gegenteilige Wiener Tradition: der Stehplatz.

Für vergleichsweise wenig Geld können Opernbegeisterte Aufführungen erleben, für die in anderen Kategorien hohe Preise verlangt werden. Der Stehplatz hat seine eigene Kultur, eigene Rituale, eigene Erfahrung von Nähe und Ausdauer. Luxusloge und Stehplatz existieren im selben Saal. Vielleicht ist gerade das ein treffendes Bild für die Wiener Staatsoper. Sie ist elitär und populär zugleich.


21. Die Namen im Haus

Opernhäuser bauen sich einen Kanon nicht nur durch Spielpläne, sondern auch durch Namen. Mahler-Saal. Schwindfoyer. Karajan-Platz. Komponistenbüsten. Dirigentenporträts. Diese Namen strukturieren Erinnerung. Doch ein Kanon ist nie neutral. Wer benannt wird, bleibt sichtbar. Wer nicht benannt wird, kann verschwinden.

Deshalb verändert sich auch die Erinnerungskultur der Oper. Biografien werden neu erforscht, verdrängte Geschichten von verfolgten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern treten stärker hervor, problematische Kontinuitäten der Nachkriegszeit werden untersucht. Das Haus ist damit nicht nur ein Speicher von Aufführungen. Es ist ein Speicher seiner eigenen Selbstbilder.


22. Warum dieses Gebäude architektonisch interessanter ist, als es zuerst wirkt

Auf einer Wienreise gibt es spektakulärere Gebäude. Der Stephansdom besitzt die dramatischere Silhouette. Das Kunsthistorische Museum ist monumentaler. Otto Wagners Bauten sind stilgeschichtlich radikaler. Die Secession wirkt programmatischer. Die Staatsoper ist subtiler. Ihre Bedeutung liegt gerade darin, dass sie kein reines Meisterwerk einer einzigen Epoche mehr ist. Sie besitzt mindestens vier Identitäten:

  1. die Ringstraßenoper von 1869, mit Renaissanceformen und imperialer Repräsentation;
  2. die reformierte Kunstinstitution der Mahlerzeit, in der sich das moderne Verständnis von Musiktheater herausbildete;
  3. das beschädigte und politisch belastete Haus des 20. Jahrhunderts;
  4. die wiederaufgebaute Staatsoper von 1955, deren Architektur bewusst zwischen Tradition und Moderne vermittelt.

Dazu kommt heute eine fünfte Schicht: Gegenwartskunst, digitale Technik, Untertitelung, moderne Bühnentechnik und ein internationales Publikum. Die Wiener Staatsoper ist deshalb weniger ein einheitliches Kunstwerk als ein Palimpsest. Man kann die ältere Schrift unter der jüngeren noch erkennen.


23. Ein Rundgang vor Ort

Station 1 – Gegenüber der Hauptfassade

Standort: Opernring, idealerweise mit etwas Abstand auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Schau zunächst nicht auf Details, sondern auf die Gesamtform. Erkenne den schmaleren Publikumstrakt vorne und das größere Bühnenvolumen dahinter. Achte auf die Bogenarchitektur der Hauptfassade und darauf, wie die Loggia den Bau zur Straße hin öffnet. Dann richte den Blick nach oben auf die beiden Pegasusgruppen.

Zeit: 5 Minuten.


Station 2 – Die fünf Figuren der Loggia

Standort: Vor der Ringstraßenfassade.

Suche in den Arkadenbögen Heroismus, Melpomene, Phantasie, Thalia und Liebe. Versuche nicht nur, die Figuren zu identifizieren. Frage dich, warum ausgerechnet diese fünf Begriffe ein Opernhaus repräsentieren sollen.

Zeit: 3 Minuten.


Station 3 – Die Seitenbrunnen

Standort: links und rechts des Gebäudes.

Vergleiche beide Bildprogramme: Freude und Leichtsinn gegen Trauer, Liebe und Rache. Das ist Oper in zwei Brunnen zusammengefasst.

Zeit: 5 Minuten.


Station 4 – Vestibül

Standort: Hinter dem Haupteingang.

Ab hier beginnt der historische Innenraum. Achte weniger auf einzelne Ornamente als auf die Veränderung des Verhaltens, die die Architektur erzeugt. Die Straße wird entfernt, die Bewegung verlangsamt, der Weg ritualisiert.

Zeit: 3 Minuten.


Station 5 – Feststiege

Standort: zentrale Treppenanlage.

Suche zuerst die Medaillons der Architekten Sicardsburg und van der Nüll. Danach die Hochreliefs für Ballett und Oper. Dann nach oben: Fortuna an der Decke. Schließlich die sieben allegorischen Künste von Josef Gasser. Hier sollte man etwas länger bleiben. Die Feststiege erklärt das kulturelle Programm des ganzen Hauses.

Zeit: 10 Minuten.


Station 6 – Teesalon

Standort: erster Stock zwischen Feststiege und Mittelloge; Zugang meist im Rahmen einer Führung.

Suche die kaiserlichen Monogramme, die goldgelben Wandbespannungen und das Deckengemälde von Carl Madjera. Der entscheidende Gedanke: Dieser Raum war nicht für „das Publikum” gedacht, sondern für den Hof. Er zeigt die soziale Hierarchie des ursprünglichen Gebäudes.

Zeit: 5 Minuten.


Station 7 – Schwindfoyer

Standort: erster Stock.

Nimm dir Zeit für die Opernszenen in den Lünetten. Suche die Komponistenbüsten und beobachte die spätgotisch wirkenden Elemente in der Deckengliederung. Hier lässt sich besonders gut erkennen, dass Historismus kein einzelner Stil ist, sondern ein bewusstes Kombinieren historischer Formsprachen.

Zeit: 10 Minuten.


Station 8 – Schwindloggia

Standort: direkt am Schwindfoyer, zur Ringstraße hin.

Suche die Zauberflöten-Motive und den jungen Mozart. Dann drehe dich um und schaue hinaus auf die Ringstraße. Dieser Wechsel ist wichtig: vom gemalten Theater zur realen Stadt.

Zeit: 5 Minuten.


Station 9 – Gustav-Mahler-Saal

Standort: erster Stock, Kärntner-Straßen-Seite.

Betrachte die Zauberflöten-Gobelins. Ihre dekorative Märchenwelt ist zunächst leicht zugänglich. Interessanter wird der Raum, wenn man die Biografie ihres Entwerfers Rudolf Hermann Eisenmenger und damit die Kontinuitäten nach 1945 kennt.

Zeit: 7 Minuten.


Station 10 – Marmorsaal

Standort: erster Stock, Teil der Pausenraumfolge.

Jetzt bewusst den Stilwechsel wahrnehmen. Hier spricht nicht mehr 1869, sondern 1955. Achte auf die unterschiedlichen Marmorsorten, die ruhigere Raumgestaltung und die Kristallluster.

Zeit: 5 Minuten.


Station 11 – Großer Saal

Standort: Zuschauerraum.

Stelle dich nach Möglichkeit so, dass du die hufeisenförmige Anlage überblicken kannst. Frage dich, welche Teile „alt” wirken – und erinnere dich dann daran, dass der Raum vollständig nach dem Krieg neu gestaltet wurde. Genau dieser Effekt ist Absicht: Kontinuität ohne exakte Kopie.

Zeit: 10 Minuten.


Station 12 – Eiserner Vorhang

Standort: Blick zur Bühne.

Wenn die Brandschutzwand geschlossen ist, betrachte das aktuelle Kunstwerk. Hier trifft die wahrscheinlich unmittelbarste Gegenwartskunst des Hauses auf einen Raum, dessen Selbstverständnis stark aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Zeit: 5 Minuten.


24. Die wichtigsten Besonderheiten auf einen Blick


Besonderheit Entstehungszeit Künstler / Architekt Fundort


Ringstraßenfassade 1860er-Jahre Sicardsburg / van der Nüll Opernring, Hauptfront

Pegasusgruppen 1876 Ernst Julius Hähnel über der Loggia der Hauptfassade Heroismus, Melpomene, Phantasie, Thalia, Liebe 19. Jh. Ernst Julius Hähnel Arkaden der Loggia Seitenbrunnen 19. Jh. Josef Gasser links und rechts außen am Haus

Architektenmedaillons 19. Jh. Josef Cesar erster Absatz der Feststiege Reliefs „Oper” und „Ballett” 19. Jh. Johann Preleuthner Feststiege über den Architektenmedaillons „Fortuna, ihre Gaben streuend” 19. Jh. Franz Dobiaschofsky Decke der Feststiege

Sieben freie Künste 19. Jh. Josef Gasser Feststiege Teesalon / ehemaliger Kaisersalon 1869 Josef von Storck u. a. 1. Stock bei der Mittelloge „Die Musik auf Adlerschwingen” 19. Jh. Carl Madjera Decke des Teesalons

Opernszenen des Schwindfoyers 19. Jh. Moritz von Schwind Schwindfoyer, 1. Stock Zauberflöten-Fresken 19. Jh. Moritz von Schwind Schwindloggia Zauberflöten-Gobelins 1950er-Jahre Rudolf Hermann Eisenmenger / Wiener Gobelinmanufaktur Gustav-Mahler-Saal

Marmorsaal 1950er-Jahre Otto Prossinger u. a. Pausenräume, 1. Stock Großer Saal Wiedereröffnung 1955 Erich Boltenstern Hauptzuschauerraum

Eiserner Vorhang – Kunstprojekt seit 1998 wechselnde Künstler Brandschutzwand vor der Hauptbühne


25. Zeitleiste

1857 – Franz Joseph ordnet den Abbruch der Wiener Befestigungsanlagen und die Anlage der Ringstraße an. 1861 – Beginn der Baugeschichte der neuen Hofoper nach Plänen von August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll. 1863 – Grundsteinlegung. 1868 – Eduard van der Nüll stirbt durch Suizid; kurz darauf stirbt auch Sicardsburg. 25. Mai 1869 – Eröffnung der k.k. Hofoper mit Mozarts Don Giovanni.

1876 – Aufstellung der Hähnelschen Pegasusgruppen an der Hauptfassade. 1897–1907 – Gustav Mahler leitet die Wiener Hofoper und prägt das moderne Verständnis des Musiktheaters entscheidend. 1918 – Ende der Habsburgermonarchie; aus der Hofoper entwickelt sich die Staatsoper der Republik. 1938 – „Anschluss” Österreichs; Verfolgung und Ausschluss jüdischer und politisch unerwünschter Beschäftigter und Künstler.

12. März 1945 – Bombentreffer und Brand zerstören große Teile des Hauses. 1. Mai 1945 – Die Staatsoper beginnt in der Volksoper wieder zu spielen. 6. Oktober 1945 – Das Theater an der Wien wird zweites Ausweichquartier. 1945–1955 – Wiederaufbau des Hauses am Ring. 5. November 1955 – Wiedereröffnung mit Beethovens Fidelio unter Karl Böhm. 1997 – Der Gobelinsaal wird in Gustav-Mahler-Saal umbenannt.

seit 1998 – Das Projekt Eiserner Vorhang bringt jährlich wechselnde Gegenwartskunst auf die Brandschutzwand der Hauptbühne.


26. Was von der Staatsoper bleibt, wenn die Musik verstummt

Oper ist die flüchtigste der großen Künste. Ein Gemälde bleibt an der Wand. Ein Gebäude bleibt stehen. Eine Skulptur kann Jahrhunderte überdauern. Eine Vorstellung dagegen verschwindet in dem Moment, in dem sie endet. Der letzte Akkord verklingt. Der Vorhang fällt. Sängerinnen und Sänger verlassen die Bühne. Kulissen werden abgebaut. Am nächsten Morgen beginnt die Vorbereitung für etwas anderes.

Vielleicht erklärt gerade das den monumentalen Aufwand, den Gesellschaften für Opernhäuser betrieben haben. Man baut Stein um etwas, das verschwindet.

Die Wiener Staatsoper ist dafür ein besonders schönes Beispiel. Ihre Fassade versucht Dauer herzustellen. Ihre Treppen erzählen von einer Monarchie, die nicht mehr existiert. Ihr Teesalon bewahrt die Initialen eines Kaisers. Ihr Zuschauerraum erinnert an den Wiederaufbau einer Republik. Ihre Gobelins tragen zugleich Märchenfiguren und politische Kontinuitäten. Auf ihrem Eisernen Vorhang erscheint Gegenwartskunst, die schon in der nächsten Saison wieder verschwinden kann.

Und auf der Bühne geschieht jeden Abend das Flüchtigste von allem. Menschen spielen eine Geschichte, als geschähe sie zum ersten Mal. Vielleicht ist deshalb der interessanteste Moment eines Opernbesuchs nicht unbedingt der Augenblick, in dem der Vorhang aufgeht. Vielleicht beginnt er früher. Man kommt vom Opernring. Man geht unter den Bögen hindurch. Man steigt die Feststiege hinauf. Über einem verstreut Fortuna ihre Gaben.

An den Wänden stehen die Künste, die sich später auf der Bühne vereinigen sollen. Die beiden Architekten, die ihr Haus nie eröffnet sahen, blicken als Medaillons auf den Weg. Dann gelangt man in einen Saal, der aussieht, als sei er immer dort gewesen – obwohl er aus den Trümmern des Jahres 1945 entstand. Und irgendwann wird es dunkel. Erst dann beginnt die Oper. Doch das Haus hat längst angefangen zu erzählen.


Besuchsorientierung

Adresse: Wiener Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien.

Viele der hier beschriebenen Innenräume sind am zuverlässigsten im Rahmen einer offiziellen Führung zu sehen. Der übliche Führungsweg führt vom Foyer über die Feststiege durch mehrere Prunk- und Pausenräume – darunter je nach betrieblicher Situation Teesalon, Marmorsaal, Schwindfoyer und Gustav-Mahler-Saal – bis in den Zuschauerraum mit Blick zur Bühne. Da die Staatsoper ein laufender Theaterbetrieb ist, können einzelne Räume kurzfristig nicht zugänglich sein.

Für einen rein äußeren Rundgang sollte man mindestens 15 bis 20 Minuten einplanen; für einen bewussten Innenrundgang zusätzlich die Dauer der Führung.


Quellen und weiterführende Hinweise

Die historischen und architektonischen Angaben dieses Dossiers stützen sich vor allem auf die Dokumentationen der Wiener Staatsoper sowie auf WienTourismus und das Kunstprojekt museum in progress.

Redaktionsstand: September 2026. Bei wechselnden Kunstprojekten, Führungswegen und aktuellen Nutzungen einzelner Räume können sich Details ändern.

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